„21 Punkte zu den Physikern“

Heller als tausend Sonnen

Zur Uraufführung seiner Tragikomödie Die Physiker im Jahr 1962 lässt der Schriftsteller „21 Punkte zu den Physikern“ veröffentlichen. Diese Punkte sind knapp und treffend und in der Regel in einem kurzen Satz als Behauptungen formuliert. Sie befassen sich mit verschiedenen Themen sowie mit der schlimmstmöglichen Wendung, dem Zufall, der Dramatik und der Physik, den Paradoxien in Bezug auf das Drama und die Wirklichkeit sowie mit der Wirkung des Stückes auf die Zuschauer. Diese Anmerkungen stehen in Beziehung zu Dürrenmatts Dramatheorie und sollen Die Physiker dem Leser verständlicher machen.

Das Theaterstück die Physiker wird in unmittelbarem Zusammenhang mit Robert Jungk Buch „Heller als tausend Sonnen“ (1956) verfasst, welches das Schicksal derjenigen Atomforscher, die an die ersten Kernspaltungsversuche, an den Bau der ersten Atombombe und an die Entwicklung der amerikanischen Wasserstoffbombe nach Ende des Zweiten Weltkriegs teilgenommen haben, beschreibt. Der Kerngedanke von Jungks Buch, die Frage also, wie sich die Physiker verhalten sollten, wird auch in Die Physiker thematisiert. 

Dürrenmatt verfasst 1956 eine wichtige Rezension über Jungks Werk, die in „Die Weltwoche“ erscheint. Mehrere Textpassagen stimmen mit den Aussagen der später veröffentlichten „21 Punkte zu den Physikern“ überein, beispielsweise mit der These, dass das Problem der Atomkraft nur international durch die Einigkeit der Wissenschaftler gelöst werden könne.

Theaterprobleme

Mit dem Fokus auf die Entwicklung der Atombombe kritisiert Friedrich Dürrenmatts Tragikomödie Die Physiker den leichtsinnigen Umgang mit der Macht der Wissenschaft und stellt die grundlegende Frage nach der Verantwortung der Wissenschaftler. Dürrenmatt verdeutlicht die Hilflosigkeit des einzelnen Wissenschaftlers in einer Welt, die durch die Machtübernahme von zynischen und machthungrigen Politikern gefährdet ist. Der Schriftsteller versucht, durch sein Werk die Zuschauer und Leser auf die Missstände in der Welt aufmerksam zu machen.

Dürrenmatt erklärt schon 1954 in seinem Essay Theaterprobleme sehr ausführlich seine Theaterauffassung. Er bezeichnet in den 1960er Jahren das aristotelische und das epische Theater als nicht mehr zeitgemäß und stellt seine eigene Konzeption der Tragikomödie der alten Theaterauffassung entgegen: «Neue Probleme tauchen auf und erfordern neue Mitteln. Es verändert sich die Wirklichkeit, um sie darzustellen, muß die Darstellungsart sich ändern“.[1]

Im Folgenden werden die 21 Punkte, welche die Grundideen und die Prinzipien des Stücks beschreiben, aufgelistet und näher erläutert.

1. Ich gehe nicht von einer These, sondern von einer Geschichte aus.

Jedes theoretische und dogmatische Erklärungsmodell der Gesellschaftsentwicklung ist für Dürrenmatt eine unzulässige Verkürzung und Vereinfachung, wie zum Beispiel der Marxismus. In einem Vergleich mit Brecht präzisiert der Autor seine Position, die eher pessimistisch geprägt ist: „Was mich von Brecht trennt: Er glaubt an eine Welt, die veränderbar ist, nach dem Motto: richtige Wissenschaft – richtige Politik – richtige Menschen. Nun ist weder der Mensch „richtig“ noch die Wissenschaft, noch die Politik. Die Welt verändert sich durch den Menschen, aber der Mensch verändert sich nicht und fällt der durch ihn veränderten Welt zum Opfer“.[2]

Der Autor lässt sich nur unter großen Schwierigkeiten einer bestimmten politischen Theorie zuordnen. Er versucht nicht, mithilfe von pragmatischen Argumenten und Aussagen eine potenzielle Wahrheit zu beweisen, und geht nicht von einer bestimmten These aus. Er ist der Ansicht, dass der Schriftsteller die Welt nicht mithilfe theoretischer Argumente retten kann, sondern dass er versuchen soll, „die Welt zu formen, aus ihrer Bildlosigkeit ein Bild zu machen".[3]  

Der Verfasser greift damit eine Dramenentwicklung auf, die den Blick auf die zeitgenössische Gesellschaft ihrer Zeit richtet. Dürrenmatts imaginative Erzählung wurzelt in der wirklichen Welt.

Während des Zweiten Weltkriege und im Laufe des Kalten Kriegs spionierten die USA und die Sowjetunion intensiv einander aus und versuchten, die geheime Forschung ihres jeweiligen Rivalen zu enttarnen. Dadurch waren sie immer sehr gut über die wissenschaftlichen Fortschritte der Atomforschung ihrer Konkurrenten informiert. Diese Praxis spiegelt sich in seinem Theaterstück Die Physiker wider. Die beiden Agenten Eisler und Kilton arbeiten für zwei Supermächte, die der Zuschauer wahrscheinlich als die USA und die Sowjetunion identifizieren kann, obwohl die Namen der beiden Großmächte in der Geschichte an keiner Stelle genannt werden. Sie sind beide daran interessiert, Möbius‘ Weltformel für ihren jeweiligen Geheimdienst zu beschaffen.

Durch Zitate soll am Ende jedes der 21 Punkte das Geschilderte´, wenn nötig, noch verdeutlicht bzw. vertieft werden:

 „Ich bin kein politischer, sondern dramaturgischer Denker, ich denke über die Welt nach, indem ich ihre Möglichkeiten auf der Bühne durchspiele, und mich ziehen demgemäss die Paradoxien und Konflikte unserer Welt mehr an als die noch möglichen Wege, sie zu retten. Ich bin Diagnostiker nicht Therapeut" (Politik, 1980, S. 36)

„Ideologien sind Ausreden, an der Macht zu bleiben, oder Vorwände, an die Macht zu kommen.“ (Denken mit Friedrich Dürrenmatt, Diogenes, 2005, S. 41)  

"Ich glaube, es gibt überhaupt keine Werke, die nicht gesellschaftsbezogen sind. Jedes Werk eines Schriftstellers ist in erster Linie das Werk eines bestimmten Menschen. Dieser Mensch ist auf eine bestimmte Weise erzogen worden, lebt in einer bestimmten Kultur, lebt in einer bestimmten Gesellschaft, und insofern ist jedes Werk eines Schriftstellers ein Spiegel der Zeit, in welcher der Schriftsteller lebt" (Zitat nach: Knapp, 1983, S. 38).

2. Geht man von einer Geschichte aus, muß sie zu Ende gedacht werden.

Der Autor lässt in seiner Komödie die Physiker Möbius äußern: „Wir sind mit unserer Wissenschaft an die Grenzen des Erkennbaren gestoßen. Wir wissen einige genau erfaßbare Gesetze, einige Grundbeziehungen zwischen unbegreiflichen Erscheinungen, das [aber] ist alles, der gewaltige Rest bleibt Geheimnis, dem Verstande unzugänglich. Wir haben das Ende unseres Weges erreicht“ (S. 74).

Die drei Physiker beschließen gemeinsam, ihre wissenschaftlichen geheimen Erkenntnisse mit ins Grab zu nehmen: „Unsere Wissenschaft ist schrecklich geworden, unsere Forschung gefährlich, unsere Erkenntnis tödlich“ (Ebd.). Alles haben sie präzise diskutiert und untereinander abgesprochen, aber nur den Wahnsinn der Leiterin des Sanatoriums haben sie nicht einkalkuliert.

Der Schriftsteller bietet dem Leser kein offenes Ende an, bei dem er selbst herausfinden muss, wie die Geschichte ausgehen könnte. Er beendet seiner Komödie mit einem konsequenten und „schlimmstmöglichen“ Abschluss.

3. Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat.

Die schlimmstmögliche Wendung nehmen Die Physiker in dem Augenblick, als Fräulein von Zahnd ihnen ihre Verrücktheit und ihren Plan offenbart (S.82-83). In dem Moment erkennt Möbius, dass seine Bemühungen umsonst gewesen sind. All das, was er geopfert hat, um die Menschheit zu retten, ist vergebens gewesen. Die Chefärztin der Klinik, der letzte Abkömmling einer degenerierten Familie, hat das Spiel der Physiker durchschaut. Sie führt die Welt ihrem Untergang entgegen.

Durch die schlimmstmögliche Wendung der Geschichte nimmt die Komödie tragische Züge an: Das „Happy End“ endet in einer Katastrophe. Die schlimmstmögliche Wendung beruht auf der bewussten Wahl und dem kühlen Kalkül des Autors, um den Zuschauer zu veranlassen, zu reagieren und nachzudenken. Sie ist „kein pessimistischer Schluß, sondern der Mensch wird in der schlimmstmöglichen Wendung darstellbar […] Er überlegt: Was ist zu tun?“.[4] Nachdem der Autor die schlimmstmögliche Wendung in seine Geschichte eingebaut hat, lässt er den Zuschauer nun ganz allein.

4. Die schlimmstmögliche Wendung ist nicht voraussehbar. Sie tritt durch Zufall ein.

Dürrenmatts Komödie Die Physiker nimmt am Ende die „schlimmstmögliche Wendung“, ohne dass diese von der drei Wissenschaftlern vorgeplant war und ohne dass der Zuschauer das tragische Ende des Stücks zu irgendeinem Zeitpunkt im Stück erahnen kann. Das Publikum, das ganz andere Erwartungen hegt, wird durch den Zufall in die Irre geführt.

Möbius hat seine wissenschaftlichen Manuskripte verbrannt, um die Welt zu retten. Jedoch kommt  dieses Handeln zu spät: Die eiskalte und skrupellose Chefärztin Mathilde von Zahnd hat die Dokumente mit der Weltformel bereits fotokopiert. Sie enthüllt am Ende des Stücks triumphierend ihren wahren Charakter und ihre Pläne: „Mein Trust wird herrschen, die Länder, die Kontinente erobern, das Sonnensystem ausbeuten, nach dem Andromedanebel fahren“ (S. 85). Das gewissenhafte Verhalten des Physikers Möbius fällt dem Zufall zum Opfer: „Die Welt ist in die Hände einer verrückten Ärztin gefallen“ (S. 85).

Zitat: „Ein Unfall ist zuerst unwahrscheinlich, wird dann im Verlaufe der Zeit immer wahrscheinlicher, bis er zur Wirklichkeit wird; die Kette der Umstände, Zufälle usw. hat ihre schlimmstmögliche Wendung genommen“ (Dürrenmatt, Sätze über das Theater, S. 150)

5. Die Kunst des Dramatikers besteht darin, in einer Handlung den Zufall möglichst wirksam einzusetzen.

Der Verfasser überlässt dem Zufall in seiner Komödie Die Physiker die Herrschaft. Er hat strategische Zufallsfaktoren in sein Stück eingebaut, um dem Ablauf der Geschichte unvorhersehbare Wendungen zu geben.  Sie sollen Spannung und Verfremdung erzeugen. Schon in der Regieanweisung zum ersten Akt deutet der Autor an, dass die drei Figuren nicht ganz zufälligerweise Wissenschaftler sind: „Im Salon der nun schwach bevölkerten Villa halten sich meistens drei Patienten auf, zufälligerweise Physiker, oder ...

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