Logik und Zufall

Der Zufall als Auslöser der Untersuchung

Der Kommissar Bärlach entdeckt nach der überstandenen Operation in einer Ausgabe der Zeitschrift „Life“ aus dem Jahr 1945 zufällig ein Foto des Lagerarztes Dr. Nehle. Darauf wird dieser dabei gezeigt, wie er im Konzentrationslager Stutthof einen Häftling ohne Narkose am offenen Bauch operiert (S. 5).

Bärlach ruft deshalb dem eintretenden Arzt Dr. Hungertobel zu, dass diese Ärzte „Tiere“ (S. 5) waren, und weckt damit dessen Aufmerksamkeit. Als Hungertobel zufäll…

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Spürsinn und Verdacht

Schon in dem Moment, in dem Hungertobel das erste Mal das Bild in der Zeitschrift sieht und erbleicht, entwickelt der alte Kommissar mit seinem feinen Spürsinn einen Verdacht. Dies teilt er dem Arzt am nächsten Tag auch mit (S. 8). Doch Hungertobel will den Namen nicht nennen, denn er ist „ein alter Arzt und möchte niemandem Böses getan haben“ (S. 8-9). Den Verdacht von Bärlach nennt er einen „Wahnsinn“ (S. 9), denn er will niemanden aufgrund einer Fotografie verdächtigen, die zudem nur sehr wenig vom Gesich…

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Das Alibi des Erbonkels

Nach und nach gelingt es Bärlach, Hungertobel Informationen zu der Person Emmenbergers zu entlocken, die den Verdacht immer mehr verstärken. Er erfährt, dass Emmenberger sich auf die Behandlung mit Hormonen spezialisiert hat und von seinen Patienten wie ein Gott verehrt wird.

Hungertobel kann ihn und seine wissenschaftlichen Versuche nicht richtig einschätzen, denn er weiß, dass es oft „Wissenschaftler und Scharlatane“ (S. 10) in einer Person gibt. Doch die Patienten von Emmenberger sind so von dessen Behandlungsmethoden überzeugt, dass sie der Klinik häufig ihr gesamtes Vermögen ve…

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Emmenbergers Fachschriften

Am folgenden Morgen überreicht Hungertobel Bärlach mehrere medizinische Fachzeitschriften, in denen Artikel von Emmenberger zu finden sind, die dieser während seiner Zeit in Chile verfasst hat. Dabei merkt er an, dass dieser sich als Student durch „eine ebenso witzige wie glänzende Feder“ (S. 13) auszeichnete. Inzwischen aber hat er eine Wandlung ins „Modische“ (S. 13) vollzogen und die Artikel sind Hungertobel „zu billig, Schulmedizin hin oder h…

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Bärlachs Untersuchung – Eine falsche Spur?

Bärlachs Chef Dr. Lutz besucht ihn im Krankenhaus, um ihm mitzuteilen, dass er pensioniert wird. Bei dieser Gelegenheit bittet Bärlach Lutz darum, für ihn bei einem speziellen internationalen Dienst, der für die Aufdeckung der Verbrechen der SS arbeitet, Informationen zu dem Lagerarzt Nehle zu besorgen (S. 17).

Lutz ist erstaunt über den „Spleen des Alten“ (S. 17), der sich im Krankenbett mit „kriminalistischen Kombinationen“ (S. 17) vergnügt. Er willigt aber ein, ihm diese Informationen zu beschaffen. Bereits am selben Abend erfährt Bärlach von ihm, dass sich Nehle am 10. August 1945 in Hamburg mit Gift das Leben genommen hat. Hungertobel glaubt nun, dass Bärlachs Untersuchung damit beendet ist, doch dieser merkt an: „Nichts sei so schwer zu ertränken wie ein Verdacht, weil nichts so leicht immer wieder auftauche...“ (S. 19).

Wieder liefert ihm Hungertobel in seiner Absicht, den Verdacht zu entkräften, weitere Argumente, eben diesen nicht fallen zu lassen. Er erzählt Bärlach von e…

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Gullivers Zeugenaussage

In der Nacht schleicht sich Bärlachs Freund, der Jude Gulliver in seinem Zimmer ins Spital, da der Kommissar ihn als Informanten zu sich gerufen hat. Bärlach weiß, dass Gulliver in allen Konzentrationslagern gewesen ist (S. 29) und bei vielen Dingen mehr Bescheid weiß als die Polizei. Er erhofft sich deshalb mehr Informationen über Dr. Nehle von ihm.

Im Gespräch stellt sich schließlich heraus, dass Gulliver Nehle zufälligerweise sehr gut kennt und dass er es war, der das Foto von ihm gemacht hat. Spä…

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Vorsicht und Vorausdeutung

Auffällig an der Person Nehles ist die Tatsache, dass sie in den Listen der SS oder des Lagers Stutthof nirgends auftaucht, so als schämten sich selbst die Nazis für ihn (S. 30). Gulliver konnte auch nie das Gesicht von Nehle sehen, denn er sah ihn immer nur mit halbverhülltem Gesicht am Operationstisch (S. 38). Er beschreibt ihn als eine „in Weiß gehüllte, hagere Gestalt, die leicht gebückt und lautlos [...] in diesen Baracken voll grauser Not und Jammers“ (S. 38) umhergeht.

Auf Gulliver wi…

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Bärlachs Hypothese

Nach dem Gespräch mit Gulliver entscheidet sich der Kommissar, den Fall minutiös und persönlich zu untersuchen. Er bittet Bärlach Hungertobel darum, ihn unter falschem Namen in der Klinik Sonnenstein in Zürich anzumelden, die von Emmenberger geleitet wird. Hungertobel ist über diese Entscheidung bestürzt, doch sein Freund erklärt ihm aufgrund verschiedener Indizien, dass er glaubt, dass es zwei Nehles gibt, von denen nur ei…

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Der logische Verdacht

Bärlach erklärt ihm, dass zwei verschiedene Möglichkeiten bestehen, die er nun untersuchen will (S. 44). Entweder haben Emmenberger und Nehle nichts miteinander zu tun haben und es liegt kein Verbrechen vor oder die beiden Ärzte haben ihre Rollen getauscht. Sein Beruf zwingt Bärlach dazu, „die zweite, unwahrscheinlichere These näher zu untersuchen“ (S. 44). Sie besagt, dass Emmenberger in Stutthof gearbeitet hat und Nehle im August 1945 ermordet hat.

Der Grund für diese Annahme besteht darin, dass sich die beiden bezüglich Haar- und Augenfarbe ähneln, ähnliche Gesichtszüge sowie den gleichen Körperbau haben und an der rechten Augenbraue dieselbe Narbe aufweisen. Diese stammt von einem Schnitt, den man bei einer seltenen Operation bei fortgeschrittener Stirnhöhlenvereiterung anwendet (S. 45-46).

Ebenso haben beide eine Brandwunde am linken Unterarm, die von einem Unfall bei einem chemischen Versuch stammt (S. 46). Bärlach stellt die These auf, dass die beiden Personen diese Narben bei…

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Bärlachs Verhör

Es scheint also die Vereinbarung zwischen den Männern zu bestehen, dass Emmenberger den Abschluss für Nehle macht und im Gegenzug dafür unter dessen Namen als KZ-Arzt arbeiten darf. Hungertobel gibt sich aufgrund der schwerwiegenden Beweislast geschlagen, doch Bärlach muss nun noch die Wahrscheinlichkeit seiner Thesen belegen. Daher will er schon am folgenden Tag in das Sanatorium von Emmenberger unter einem falschen Namen verlegt werden.

Da Bärlach im Spital Sonnenstein zunächst nicht in seiner Funktion als Polizeibeamter auftritt, muss er das Verhör mit Emmenberger sehr geschickt anstellen, um nicht aus seiner Rolle als Patient zu fallen. So prüft er zuerst anhand der Aussprache von „Miuchmäuchterli“ (S. 67), ob er es mit einem Schweizer (=Emmenberger) oder einem Berliner (=Nehle) zu tun hat. Er stellt eindeutig fest, dass es sich um einen Schweizer handeln muss. Bärlach geht dennoch recht forsch vor und befragt Emmenberg…

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Emmenbergers logische Deduktion

Für Emmenberger ist es unmöglich, in der „Welt des Zufalls“ ein „indizienloses Verbrechen“ (S. 102) zu begehen. Auch wenn er alles dafür tut, seine Spuren zu verwischen, so gelingt es ihm dennoch nicht ganz und er will daher von Bärlach wissen, wie er ihm auf die Spur gekommen ist. Daher rekonstruiert er logisch, wie der Kommissär ihm auf die Schliche gekommen sein muss.

Er weiß, dass eine Fotografie von ihm existiert, die ihn bei der Operation ohne Narkose zeigt und die in der Zeitschrift „Life“ veröffentlicht wurde. Doch viele, die ihn kennen, haben das Foto gesehen, ohne ihn damit in Verbindung zu bringen. Emmenberger schließt daher logisch, dass es jemand se…

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Dr. Marloks Geständnis

Stark geschwächt durch die Insulinkur Emmenbergers und aufgrund seiner körperlichen Schwäche an das Krankenbett gefesselt, muss Bärlach erkennen, dass er den Arzt mit dem Artikel Fortschigs nicht einschüchtern kann. Er ging davon aus, dass sich nach der Veröffentlichung des „Apfelschuß“ sich alles andere „dann schon irgendwie geben [würde]“ (S. 92). Emmenberger ließ  Fortschig von dem Zwerg ermorden.

Am 5. Januar 1949 wird Bärlach in seinem Krankenzimmer von Dr. Marlok besucht. Er erkennt anhand einer Tageszeitung, dass seine falsche Identität aufgeflogen ist und er mehr als …

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Bärlachs Fehler und der Einfluss des Zufalls

Bärlachs Überlegungen und Hypothesen sind allesamt logisch korrekt, doch der krebskranke Kommissar macht bei der Umsetzung seines Plans mehrere Fehler. Obwohl er in starkem Maße vermutet, dass der Klinikleiter ein skrupelloser schwerer Verbrecher ist, der bereit ist, seine Gegenspieler schnell zu eliminieren, lässt sich Bärlach ohne Deckung und unter falschem Namen bei Emmenberger einliefern. Das ist wahrscheinlich Bärlachs größter Fehler: Als die Zeitung einen Artikel über seine Pensionierung veröffentlicht, kann der misstrauische Klinikleiter seine reale Identität erkennen.

Um Druck von außen auf Emmenberger auszuüben, um ihn zu verunsichern, hat Bärlach mit dem Schriftsteller Fortschig abgesprochen, dass der Verleger einen Artikel über Emmenberger verfassen soll. Nach der Publizierung hält sich Forts…

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