Rezension

Friedrich Dürrenmatts tragische Komödie Der Besuch der alten Dame ist ein historischer Zeitspiegel und eine zeitübergreifende Verhaltensstudie zugleich. Sie lässt das Publikum an einem Experiment teilhaben: Wie käuflich ist der Mensch? Unter welchen Umständen werden Individuen aus einem Kollektiv ausgegrenzt? Wann verwandelt sich der Gerechtigkeitstrieb in Rachedurst? Was bedeutet ein Menschenleben, gemessen an umfassender gesellschaftlicher Armut? Das Drama wirft diese Fragen mithilfe des Konflikts auf, in den das verarmte Städtchen Güllen durch den Besuch der Multimillionärin Claire Zachanassian geworfen wird.

Nach und nach verfallen die Bürger der Verlockung des Kopfgeldes, das Claire auf ihren verräterischen Exgeliebten Alfred Ill aussetzt. Sie will sich, nun die reichste Frau der Welt, Gerechtigkeit kaufen. Anfangs rechnen die Einwohner Güllens damit, dass noch alles ins Reine kommt, und geben sich doch bereits einem schleichenden Kaufrausch auf Kredit hin, den sie später nicht mehr anders tilgen können als durch einen Mord. Trauen sie es sich zu, ein vergangenes Verbrechen durch ein weiteres sühnen und so die gesellschaftliche Ordnung wiederherzustellen?

Alfred Ill, der Claire damals geschwängert und durch einen getürkten Vaterschaftsprozess ihren gesellschaftlichen Ausschluss verschuldet hat, sieht sich plötzlich mit seiner lange verdrängten Schuld konfrontiert. Um sie anzuerkennen, muss er Claires Verlangen nach Rache akzeptieren und seine Todesangst überwinden. Nur dadurch kann er letztlich sein Schicksal annehmen und am eigenen Leib Gerechtigkeit erfahren, als seine Mitbürger ihn – angeblich im Namen hehrer Ideale, wie Religion, Humanismus, Tradition, – hinrichten.

Ill endet als Opfer seiner privaten Tragödie, sein Tod stiftet Sinn, weil er den Erhalt des Status quo fördert; auf der anderen Seite ist Ills Sterben sinnlos, da es die Verfehlungen der Vergangenheit nicht rückgängig machen kann. Die Entwicklung der Güllener hingegen kommt einer grotesken Komödie gleich, in deren Verlauf die Einwohner nicht nur ihre finanzielle Notlage für immer überwinden. Auch ihr Gewissen, so scheint es, scheinen sie am Ende verkauft zu haben und können sich daher selbst dafür feiern, dass sie in ihren Augen eine Art von totaler Gerechtigkeit wiederhergestellt haben.

Dürrenmatts Stück hat in den bald sechzig Jahren seit seiner Entstehung kein bisschen an Eindruckskraft und Relevanz eingebüßt. Gerade zu Beginn des 21. Jahrhunderts, in den Zeiten von neuerlichen Wirtschaftskrisen und platzenden Geschäftsblasen, erscheint die Thematisierung von blindem Fortschrittsglauben, finanzieller Absicherung, moralischer Integrität und Korruption eindrücklicher und wichtiger denn je. An ruinierte Immobilien, rote Börsenzahlen und Arbeitslosenschlangen ist der heutige Mensch ebenso gewöhnt wie die damaligen Überlebenden der Wirtschaftskrise der 1930er Jahre und des Zweiten Weltkriegs. Solche Schreckensbilder gehören quasi zum Alltag.

Genau in diesem Sinne ist Der Besuch der alten Dame wahrlich eine ‚Komödie der Hochkonjunktur‘. Sie nimmt eben diese Bilder und presst sie ins Groteske, ins Komische. Das Stück eröffnet neue Perspektiven, es befreit durch ein Lachen, das eigentlich gar nicht herauskommen will angesichts der bitterbösen Umstände. Und doch zwingt diese tragische Komödie den Leser dazu: Sie zwingt ihn, die Tragik anzuerkennen und ihr trotzig ins hässliche Gesicht zu lachen. Sie fordert das Publikum dazu auf, die Menschheit zu kritisieren, den Menschen wertzuschätzen und die Menschlichkeit zu suchen. Nicht zuletzt mahnt sie den Leser, stets auf der Hut zu sein vor alten Damen und Herren, die darauf aus sind, die Welt in die Tasche zu stecken.