Motive

Heimkehr und Humanismus

Derartige Zusammenhänge werden besonders dann augenfällig, wenn der Leser seine Aufmerksamkeit auf die Motivik lenkt, derer sich Der Besuch der alten Dame bedient. So sticht beispielsweise das Motiv der Heimkehr heraus: Wie der antike Held Odysseus, den der Hass auf die Freier seiner Frau treibt, kehrt Claire Zachanassian nach einer langen Irrfahrt in ihre Heimat zurück, um dort Rache zu nehmen. Das Rachemotiv wiederum verbindet sie mit der tragischen Medea, die ihre eigenen Kinder tötet, um es ihrem Exmann heimzuzahlen, und mit der der Lehrer Claire mehrmals vergleicht. Hier schließt sich zudem durch das Zusammenspiel von Form und Inhalt der Kreis, der auf die antike Theatertradition verweist, in der die tragische Komödie Der Besuch der alten Dame selbst steht.

Das Themenfeld des antiken Theaters wiederum findet sich in den größeren Motivkomplex der kulturellen Tradition eingebettet, derer sich die Güllener im Verlauf des Stückes immer wieder rühmen. So sei Güllen einst „eine Kulturstadt“ gewesen, „[e]ine der ersten im Lande“, gar „[i]n Europa“ (S. 14). Wiederholt rühmen sich die Einwohner „humanistischer Tradition“ (S. 69), die nach wie vor Gültigkeit besitze und in deren Namen sie auch Claires Angebot anfänglich ablehnen: „Noch sind wir in Europa, noch sind wir keine Heiden.“ (S. 50). Wie jedoch bei allen anderen Aussagen der Güllener, so trügt am Ende auch hier der Schein: All die noblen Ideale erweisen sich als reine Fassade, wenn der Lehrer gegenüber Ill gestehen muss: „Mein Glaube an die Humanität ist machtlos“ (S. 103).

Christentum

Ebenso verhält es sich mit dem Motiv des Christentums: Früh wird darauf ver...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen