Ausgewählte Dialoganalysen

Alfred Ill und der Bürgermeister: Das erste Gespräch (S. 67 – 72)

Die Flucht und der Panther

Alfred Ill und der Bürgermeister Güllens treffen im Laufe der Handlung zwei Mal zu einem Gespräch unter vier Augen zusammen. Das erste Treffen findet statt, als Ill herausfindet, dass die Güllener sich nach und nach Luxusgüter auf Kredit kaufen; sie spekulieren offensichtlich schon auf seinen Tod und auf die dann folgende Auszahlung des von Claire Zachanassian ausgesetzten Kopfgelds. Unter ihnen befindet sich auch der Polizist, den Ill soeben um Schutz gebeten hat – nur um dabei festzustellen, dass auch dieser einen neuen Goldzahn im Mund hat und teure Schuhe an den Füßen trägt (S. 61 – 66). Nun sucht Ill Hilfe im Rathaus.

Entsprechend ist Ill zunächst der fordernde Gesprächspartner: „Ich habe mit Ihnen zu reden, Bürgermeister. […] Von Mann zu Mann“ (S. 67), während der Bürgermeister den reagierenden und antwortenden Part einnimmt: „Nehmen Sie Platz“ (S. 67). Während Ill direkt zu Beginn des Gespräches seine gesellschaftliche Stellung als ausgemachter „Nachfolger“ (S. 67) des Bürgermeisters ausnutzt, um seinem Anliegen Autorität zu verleihen, beunruhigt ihn alsbald der Anblick eines Revolvers auf dem Bürgermeisterschreibtisch.

Auf die Erklärung des Bürgermeisters hin, es handle sich dabei lediglich um eine Vorsichtsmaßnahme aufgrund von Zachanassians herumstreunenden Haustierpanther, reagiert Ill lakonisch: „Gewiß“ (S. 67), und „mißtrauisch“ (S. 67). Als der Bürgermeister ebenso einsilbig begründet: „Raubtierjagd“ (S. 67), wird wiederholt auf die Bildhaftigkeit der Pantherjagd verwiesen. Denn ebenso wie die Güllener den hilflosen Panther hetzen, so stellen sie mit zunehmender Hartnäckigkeit auch Ill nach. Deshalb fungieren die Anspielungen auf den Panther in den Dialogen mit Ill immer auch als unterschwellige Drohungen und tragen somit Charakterzüge eines Einschüchterungsgesprächs.

Zigarre, Krawatte und Schuhen

Mit des Bürgermeisters Frage „Was haben Sie auf dem Herzen?“ (S. 68) beginnt sich das Blatt zu wenden. Der weiterhin „mißtrauisch[e]“ (S. 68) Ill entdeckt die teure Zigarre: „blonde Pegasus“ (S. 68), die der Bürgermeister raucht, die „neue Krawatte“ (S. 68) aus Seide, die er trägt, und letztlich die gleichen Schuhe, die sich auch der Polizist geleistet hat. Als schlecht kaschierte Ausflüchte äußert der Bürgermeister, die teurere Zigarre sei „anständig“ (S. 68), denn die billigere habe „[a]llzu starke[n] Tabak“ (S. 68) enthalten.

Zunehmend gleiten Ill die Zügel aus der Hand und der Bürgermeister übernimmt durch bohrende Nachfragen die Kontrolle über das Gespräch: „Was ist denn los mit Ihnen? […] Krank?“, „Fürchten?“ „Wozu denn?“ (S. 68). Als er treffsicher nachhakt: „Mißtrauisch?“ (S. 69), wird offensichtlich, dass er Ill längst durchschaut hat. Indem er ihm empfiehlt: „Wenden Sie sich an die Polizei“ (S. 69), versucht er, den Schwarzen Peter wieder von sich zu schieben, und flüchtet sich nach Ills Enthüllung, dass er gerade von der Polizei komme, in die leere Floskel, dass Güllen eine „Stadt mit humanistischer Tradition“ (S. 69) sei.

All diese vermeintlichen Versicherungen gegenüber Ill torpedieren sich jedoch selbst: Der vom Bürgermeister angepriesene Polizist wollte nicht helfen; dass „Goethe hier übernachtet“ und „Brahms ein Quartett komponiert“ (S. 69) haben, hat nicht das Geringste mit der aufkeimenden Mordlust der Güllener zu tun; und die „neue Schreibmaschine“ (S. 69), die vor Ills Augen ins Bürgermeisterbüro hineingetragen wird, bekundet gemeinsam mit der Zigarre, der Krawatte und den Schuhen des Bürgermeisters, dass auch dieser auf Kredit Luxusgüter kauft und mit Ills Ableben spekuliert.

Verantwortung und Partei

Ills impliziten Vorwurf, man trachte ihm nach dem Leben, münzt der Bürgermeister schließlich um in den Vorwurf der Undankbarkeit: „Wir verdienen Ihren Undank nicht“ (S. 69). Von diesem argumentativen Standpunkt aus fällt es ihm leicht, Ills Forderung, „Dann verhaften Sie die Dame“ (S. 70), mit der Parteiergreifung für Zachanassian zu kontern: „Das Vorgehen der Dame ist weiß Gott nicht ganz so unverständlich. Sie haben schließlich zwei Burschen zu Meineid angestiftet und ein Mädchen ins nackte Elend gestürzt“ (S. 70).

Ills Argument „Dieses nackte Elend bedeutet immerhin einige Millionen“ (S. 70), mit dem er versucht, den Vorwurf des „nihilistischen Zug[s]“ (S. 69) auf den Bürgermeister zurückzulenken, lässt dieser nicht gelten. Stattdessen dreht er Ill dessen anfängliche Worte im Mund herum: „Reden wir ehrlich miteinander. […] Von Mann zu Mann, wie Sie es verlangt haben“ (S. 70), und spricht Ill „das moralische Recht [ab], die Verhaftung der Dame zu verlangen“ (S. 70).

Durch diesen argumentativen Kniff gelingt es dem Bürgermeister zudem, Ill im selben Atemzug aus den Würdenämtern Güllens und somit zugleich noch ein Stück weiter aus der Gesellschaft zu verdrängen: „auch als Bürgermeister kommen Sie nicht in Frage.“ (S. 70). Die Verantwortung für diese Entscheidung jedoch weist er geschickt von sich, da er schließlich „[i]m Auftrag der Parteien“ (S. 70) handle.

Hochachtung und Freundschaft

Die letzte strategische Wendung des Gesprächs, das sich nun vollends unter der Kontrolle des Bürgermeisters befindet, besteht in der Argumentation, dass alles, was unternommen werde, nur zu Ills Bestem geschehe: So macht der Bürgermeister Ill von der Gnade der Güllener Gesellschaft abhängig, wenn er ihm mitteilt: „Daß wir den Vorschlag der Dame verurteilen, bedeutet nicht, daß wir die Verbrechen billigen, die zu diesem Vorschlag geführt haben“ (S. 70). Auf diese implizite Drohung lässt er nämlich sogleich eine Versicherung folgen, indem er Ill verspricht, Güllen werde ihm weiterhin „die gleiche Hochachtung und Freundschaft entgegenbringen wie zuvor“ (S. 71).

Doch auch dieses Versprechens ist insofern doppeldeutig, als die Güllener Ill von Anfang an lediglich dazu benutzen wollten, um über seine Jugendverbindungen zu Zachanassian an deren Geld zu gelangen. Die vermeintlich ungebrochene ‚Hochachtung und Freundschaft‘ der Güllener gegenüber Ill können hier entsprechend als bittere Ironie verstanden werden.

Auch die Anweisung des Bürgermeisters an die Presse, „nichts über die Angelegenheit verlauten zu lassen“ (S. 71), die den Güllenern in Wirklichkeit nur mehr Zeit verschaffen soll, münzt der Bürgermeister argumentativ in eine Hilfeleistung für Ill um: „Sie sollten dankbar sein, daß wir über die üble Affäre den Mantel des Vergessens breiten“ (S. 71).

Der Plan des neuen Stadthauses

Ill hingegen argumentiert: „Wenn ich rede, habe ich noch eine Chance, davonzukommen.“ (S. 71). Er will die Kontrolle über sein Handeln zurückgewinnen, indem er öffentlich reinen Tisch macht. Dies Vorhaben jedoch passt dem Bürgermeister als oberstem Interessenvertreter Güllens überhaupt nicht. Auf seine Frage, wer Ill denn bedrohe, antwortet dieser:

ill Einer von euch

der bürgermeister erhebt sich Wen haben Sie im Verdacht? Nennen Sie mir den Namen, und ich untersuche den Fall. Unnachsichtlich.

ill Jeden von euch.

der bürgermeister Gegen diese Verleumdung protestiere ich im Name der Stadt feierlich. (S. 71)

Ohne Not widerspricht der Bürgermeister sich selbst von einer Replik zur nächsten und fängt Ill zugleich in seiner widersprüchlichen Argumentation. Ill begreift: „Keiner will mich töten, jeder hofft, daß es einer tun werde, und so wird es einmal einer tun“ (S. 71). Den Vorwurf des Bürgermeisters: „Sie sehen Gespenster“ (S. 71), kontert Ill mit der Feststellung: „Ich sehe einen Plan an der Wand. Das neue Stadthaus?“ (S. 72). In dieser geplanten Investition erkennt Ill demnach ein ‚Gespenst‘, folglich sein eigenes Ende: „Ihr spekuliert schon mit meinem Tod!“ (S. 72). Der Gebäudeplan gewinnt somit die gleiche Bedeutung wie der gesellschaftliche Plan für Ills Ermordung, wenn Ill vor seiner Flucht aus dem Rathaus erschrocken feststellt: „Ihr habt mich schon zum Tode verurteilt. […] Der Plan beweist es! Beweist es!“ (S. 72).

Alfred Ill und der Pfarrer (S. 73 – 76)

Raub Tiere und Wild Jagd

Nach seinem ersten Gespräch mit dem Bürgermeister, in dessen Zuge er erkannt hat, dass es die gesamte Stadt auf ihn abgesehen hat, flüchtet Ill sich in die Sakristei zum Güllener Pfarrer. Auch dieser hat ein Gewehr bei sich und lässt sich im Laufe des Gespräches vom Sigristen ankleiden. Die Worte, mit denen der Pfarrer Ill empfängt, sind mehrdeutig formuliert: „Es ist dunkel hier, doch kühl“ (S. 73). Einerseits bietet die dunkle Sakristei also die Möglichkeit für Ill, sich zu verbergen und vor der aufgeheizten Stimmung gegen ihn zu fliehen; andererseits deuten die Finsternis und die niedrige Temperatur, in denen sich die Gefühlskälte der Güllener widerspiegelt, bedrohlich auf Ills Schicksal hin.

Die Sprache des Pfarrers ist von pathetischen und predigthaften Floskeln geprägt. So äußert er zu Ill: „Das Gotteshaus steht jedem offen“ (S. 73), schließt jedoch im selben Atemzug den entflohenen Panther der Zachanassian aus, denn er habe das Gewehr zur Hand, um sich (wie Polizist und Bürgermeister vor ihm) vor dem Raubtier zu schützen. Da dieses bildlich mit Ill gleichzusetzen ist, entlarvt sich die Willkommensfloskel selbst als heuchlerisch.

Statt ihm zu antworten, traktiert der Pfarrer den verängstigten Ill zunächst mit Fragen, um herauszufinden, was Ill ahnt oder vielleicht sogar schon weiß:

ill Ich suche Hilfe.

der pfarrer Wovor?

ill Ich fürchte mich.

der pfarrer Fürchten? Wen?

ill Die Menschen.

der pfarrer Daß die Menschen Sie töten, Ill?

ill Sie jagen mich wie ein wildes Tier. (S. 73 f.)

Flucht in die Religiosität

Als weiteres Ausweichen nicht mehr möglich ist, greift der Pfarrer wieder auf religiöse Gemeinplätze zurück: „Man soll nicht die Menschen fürchten, sondern Gott, nicht den Tod des Leibes, [sondern] den der Seele“ (S. 74). Anders als der Bürgermeister sieht er allerdings von impliziten Drohungen ab und flüchtet sich lieber ins Unkonkrete.

Dass er sich mitten im Dialog wiederholt an den Sigristen wendet: „Knöpfe den Talar hinten zu, Sigrist“ (S. 74), „Sigrist, das Beffchen“ (S. 75), „Die Bibel, Sigrist, die Liturgie, das Psalmenbuch“ (S. 75) bringt zudem seinen Drang zum Ausdruck, dem Gespräch mit Ill entfliehen zu wollen.

Alle Beteuerungen Ills, wie bedrohlich die Lage sei, entschärft der Pfarrer durch religiöse Einfärbung:

ill Es geht um mein Leben.

der pfarrer Um Ihr ewiges Leben

ill Der Wohlstand steht auf.

der pfarrer Das Gespenst Ihres Gewissens. (S. 74)

Hier kehrt das ‚Gespenst‘ zurück, das auch der Bürgermeister Ill bereits vorgeworfen hat (im Sinne von ‚Hirngespinst‘). Zur bildlichen Bedeutung von Ills nahendem Tod gesellt sich nun auch noch die Bedeutung des nagenden Gewissens zum Begriff ‚Gespenst‘ hinzu. Ill bringt sein Entsetzen über die emotionale Diskrepanz zwischen der Güllener Gesellschaft und sich selbst zum Ausdruck: „Die Leute sind fröhlich. […] Die Stadt bereitet sich auf das Fest meiner Ermordung vor, und ich krepiere vor Entsetzen“ (S. 74).

Obwohl der Pfarrer genau weiß, dass es eben nicht nur Ills Reue ist, die ihn so empfinden lässt, beharrt er darauf: „Weil Sie ein Mädchen um Geld verraten haben, einst vor vielen Jahren, glauben Sie, auch die Menschen würden Sie nun um Geld verraten“ (S. 74).

Die Aufzählung Ills, welche Luxusgüter sich die Güllener bereits angeschafft haben, kontert der Pfarrer mit noch mehr christlichen Binsenweisheiten: „Kümmern Sie sich um die Unsterblichkeit Ihrer Seele“, „Beten Sie“, „Gehen Sie den Weg der Reue […]“ (S. 75).

Beim Glockenklang entschuldigt sich der Pfarrer, er müsse nun eine Taufe durchführen: „Das Kindchen beginnt zu schreien, muß in Sicherheit gerückt werden, in den einzigen Schimmer, der unsere Welt erhellt“ (S. 75).

Der zweite Glockenklang

 Als jedoch der Klang einer neuen, „zweite[n] Glocke“ (S. 75) ertönt, erkennt Ill, dass sich auch der Pfarrer Anschaffungen auf Kredit geleistet hat. Die Stunde der Taufe, Sinnbild für die nahende Geburt eines neuen finanzstarken Güllens, wird auf diese Weise zum Augenblick, der Ills tödliches Schicksal besiegelt. Zumal der Pfarrer den Klang der neuen Glocke mit exakt denselben Worten beschreibt: „Positiv, nur positiv“ (S. 75), mit denen er zuvor auch Ills verzweifelte Beteuerung bedachte, dieser gehe durch „die Hölle“ (S. 74).

Als Ill folglich erkennt: „Auch Sie, Pfarrer! Auch Sie!“ zeigt der Pfarrer sein wahres Gesicht. Sein vorheriger Vorwurf, „Sie […] meinen die Menschen zu kennen, doch kennt man nur sich“ (S. 74), fällt hier ironischerweise auf sein eigenes schlechtes Gewissen zurück. Der Pfarrer kennt nämlich vor allem offenbar sich selbst genau, lässt er doch als einziger Güllener seine Maskerade vor Ill fallen.

Hier verkörpert der Pfarrer die Angst der Bürger vor sich selbst und die Panik angesichts dessen, wozu die Verlockung von Zachanassians unmoralischem Angebot die Gesellschaft befähigt: „Flieh! Wir sind schwach, Christen und Heiden“ (S. 75). Durch seinen Aufruf an Ill: „Flieh, führe uns nicht in Versuchung, indem du bleibst“ (S. 76), kann auch er jedoch letztlich jegliche Schuld von sich weisen und sie auf Ill zurückprojizieren.

Alfred Ill und der Lehrer (S. 99 – 103)

Schwäche und Stärke

Zum einzigen Gespräch zwischen Alfred Ill und dem Lehrer Güllens kommt es am Tag der Gemeindeversammlung. Der Lehrer hat sich in Ills Laden mithilfe von mehreren Schnäpsen Mut angetrunken und will der angereisten Weltpresse die Wahrheit mitteilen, wird jedoch von seinen Mitbürgern übertönt und zu Boden gerissen. In diesem Moment taucht Ill auf, der sich tagelang in seinem Zimmer eingeschlossen hatte, und verhindert so, dass dem Lehrer Leid zugefügt wird: „Was ist los in meinem Laden?“ (S. 99).

Als der Lehrer daraufhin laut äußert: „Ich erzähle den Herren von der Presse die Wahrheit“ (S. 99), fährt auch Ill ihm über den Mund: „Schweigen Sie. […] Setzen Sie sich“ (S. 99). Erst nachdem die Presse und die übrigen Bürger den Laden verlassen haben, kommt es zum ungestörten Dialog zwischen dem in jeglicher Hinsicht ernüchterten Ill und dem betrunken auf einem Fass sitzenden Lehrer. Dieser erkennt seine eigene Schwäche und Schande, die er mit den übrigen Güllenern teilt, und appelliert an Ills Stärke: „Ach, Ill. Was sind wir für Menschen. Die schändliche Milliarde brennt in unseren Herzen. Reißen Sie sich zusammen, kämpfen Sie um Ihr Leben […]“ (S. 102).

Der Teufelskreis

Ill jedoch lehnt dies ab mit der Begründung: „Ich sah ein, daß ich kein Recht mehr habe.“ (S. 102), Als der Lehrer versucht, dies mit der vermeintlichen Schlechtigkeit Zachanassians aufzuwiegen: „Gegenüber dieser verfluchten alten Dame, dieser Erzhure, die ihre Männer wechselt vor unseren Augen, schamlos, die unsere Seelen einsammelt?“ (S. 102), bekennt Ill, dass auch diese Schlechtigkeit letztlich seine Schuld sei: „Ich habe Klara zu dem gemacht, was sie ist, und mich zu dem, was ich bin […]. Alles ist meine Tat“ (S. 102 f.).

Diese abgeklärte ‚Nüchternheit‘, die Ill mit sich alleine ausgemacht hat, eingeschlossen in seinem Zimmer, erlangt der Lehrer erst im Suff, wenn er sich folgend erhebt und erklärt: „Bin nüchtern. Auf einmal“ (S. 103). Wieder ist es eine bittere Ironie, dass sich der Lehrer ausgerechnet dadurch, dass er die eigene Mordlust und die seiner Mitbürger bekennt, als der Aufrichtigste aller Güllener erweist:

Sie haben recht. Vollkommen. Sie sind schuld an allem. […] Man wird Sie töten. […] Die Versuchung ist zu groß und unsere Armut zu bitter. […] Auch ich werde mitmachen. Ich fühle, wie ich langsam zu einem Mörder werde. […] Und weil ich es weiß, bin ich ein Säufer geworden. (S. 103)

Im Gegensatz zu allen anderen begreift der Lehrer jedoch sogar noch mehr: Er erkennt in der gegenseitigen Verstrickung Ills, Zachanassians und der Güllener einen grauenhaften Teufelskreis, in dem sich das geschehene Unrecht selbst durch den Tod Ills nie wieder ausgleichen lässt und der lediglich in weitere Eskalation führen kann:

Ich fürchte mich, Ill, so wie Sie sich gefürchtet haben. Noch weiß ich, daß auch zu uns einmal eine alte Dame kommen wird, eines Tages, und daß dann mit uns geschehen wird, was nun mit Ihnen geschieht, doch bald, in wenigen Stunden vielleicht, werde ich es nicht mehr wissen. (S. 103)

Am Ende dieses Moments ‚nüchterner‘ Klarheit entscheidet sich auch der Lehrer folglich wieder für die selbstgewählte ‚Blindheit‘ der Güllener gegenüber der Wahrheit; er flüchtet sich in den betäubenden Alkoholrausch, ein letztes Mal auf Kosten Ills: „Noch eine Flasche Steinhäger. […] Schreiben Sie sie auf“ (S. 103).

Alfred Ill und der Bürgermeister: Das zweite Gespräch (S. 105 – 109)

Die Gemeindeversammlung

Im zweiten Gespräch mit Alfred Ill, welches nach Ills Dialog mit dem Lehrer stattfindet, agiert der Güllener Bürgermeister weniger aggressiv und hinterlistig, erreicht jedoch trotzdem nie denselben Grad an Ehrlichkeit wie zuvor der betrunkene Lehrer. Der Bürgermeister besucht Ill in dessen Haus, um ihm von der Bürgerversammlung zu berichten: Diese soll vordergründig Zachanassians Schenkungsstiftung begründen, dient in Wahrheit jedoch nichts anderem als Ills öffentlicher Verurteilung zum Tode.

Dass die Unterredung der beiden nach der Begrüßung mit „Schweigen“ (S. 105) beginnt, welches sich im Laufe des Gespräches noch vier Mal wiederholt (S. 106 ff.), deutet bereits darauf hin, wie wenig sich Ill und der Bürgermeister eigentlich zu sagen haben, obwohl sie äußerst wortreich miteinander sprechen. Der Bürgermeister bringt Ill ein Gewehr (S. 105), was als bildlicher Rückgriff auf die Bewaffnung der Güllener während der Pantherjagd zu verstehen ist.

Da Ill jedoch im Gespräch mit dem Lehrer sein Schicksal bereits akzeptiert hat, bekundet er klar und deutlich: „Ich brauche es nicht“ (S. 106). Daraufhin unterrichtet der Bürgermeister Ill: „Heute abend ist Gemeindeversammlung“ (S. 106). Ill willigt ein, zu kommen. Wie ruhig er sein Schicksal tatsächlich akzeptiert, zeigt sich vor allem darin, wie gleichgültig er auf die rhetorischen Windungen reagiert, mit denen der Bürgermeister versucht, sich in alle Richtungen abzusichern:

der bürgermeister Alle kommen. Wie behandeln Ihren Fall. Wir sind in einer gewissen Zwangslage.

ill Finde ich auch.

der bürgermeister Man wird den Vorschlag ablehnen.

ill Möglich.

der bürgermeister Man kann sich freilich irren.

ill Freilich. (S. 106)

Der geheime Vorschlag der Dame

Seine Meinung hinsichtlich der Medien hat der Bürgermeister seit dem ersten Gespräch um hundertachtzig Grad gedreht: War er dort noch bemüht, die öffentliche Diskussion um Ills Fall zu unterbinden, nutzt er die geplante Anwesenheit der Reporter bei der Gemeindeversammlung nun dazu, um Ill zur Kooperation zu verpflichten: „In diesem Fall, würden Sie den Urteilsspruch annehmen, Ill? Die Presse ist nämlich dabei“ (S. 106). Dieses Mal ist der Bürgermeister der Nervöse, der „vorsichtig“ (S. 106) spricht, im Gegensatz zum nahezu desinteressierten Ill; denn dieser „beschäftigt sich mit der Kasse“ (S. 106), während er fragt: „Sie geben den Vorschlag der Dame nicht öffentlich bekannt?“ (S. 106).

Daraufhin deutet der Bürgermeister an, dass „nur die Eingeweihten […] den Sinn der Verhandlung verstehen“ (S. 107) werden. Ill spricht hingegen kühl und klar aus, was der Bürgermeister nicht zu sagen wagt: „Daß es um mein Leben geht“ (S. 107). Spätestens an dieser Stelle wird deutlich: Anders als im ersten Dialog mit dem Bürgermeister, in dem Ill versucht, stark aufzutreten, und trotzdem im Laufe des Gespräches die Oberhand verliert, ist er hier durchgängig der dominante Gesprächspartner. Der Bürgermeister bleibt hingegen mit seinen Ausflüchten und der Entscheidung für Lüge und Scharade der Unterlegene, als er verkündet:

Ich orientiere die Presse dahin, daß – möglicherweise – Frau Zachanassian eine Stiftung errichten werde und daß Sie, Ill, diese Stiftung vermittelt hätten als ihr Jugendfreund. […] Damit sind Sie rein äußerlich reingewaschen, was sich auch ereignet. (S. 107).

Entsprechend lässt Ills Reaktion: „Das ist lieb von Ihnen“ (S. 107) Spielraum für Interpretation: Meint er es ernst, ironisch oder ist es bloß eine Floskel? Hierin zeigt sich die neu gewonnene Gleichgültigkeit Ills gegenüber den Plänen der Güllener, aus der er während des Gespräches seine Stärke und Fassung bezieht. Mit eben dieser Gleichgültigkeit pariert Ill lakonisch sowohl die schroffe Erwiderung des Bürgermeisters:

der bürgermeister Ich tat es nicht Ihnen, sondern Ihrer kreuzbraven, ehrlichen Familie zuliebe, offen gestanden.

ill Begreife (S. 107).

als auch dessen abermalige Drohung:

der bürgermeister Wir spielen ein faires Spiel, das müssen Sie zugeben. […] Doch werden Sie auch weiterhin schweigen? Wenn Sie reden wollen, müssen wir das Ganze eben ohne Gemeindeversammlung machen.

ill Verstehe. (S. 107).

Feigheit und Gerechtigkeit

Als Ill bekundet, er sei „froh, eine offene Drohung zu hören“ (S. 107), gerät der Bürgermeister vollends in die Defensive und weiß sich nur noch mit einer Verdrehung der Tatsachen zu helfen: „Ich drohe nicht Ihnen, Ill, Sie drohen uns“ (S. 107).

Nach Ills Schweigegelübde sowie der Zusicherung, sein Schicksal zu akzeptieren, „[w]ie der Beschluß der Versammlung auch ausfällt“ (S. 107), enthüllt der Bürgermeister den wahren Grund dafür, dass er Ill das Gewehr mitgebracht hat: „Aber wäre es nicht besser, wenn wir dieses Gemeindegericht gar nicht erst versammeln müßten? […] Sie sagten vorhin, Sie hätten das Gewehr nicht nötig. Vielleicht haben Sie es nun trotzdem nötig“ (S. 108).

Erst jetzt gesteht der Bürgermeister seine Feigheit ein und kann sich nur mit Mühe dazu durchringen, Ill Auge in Auge den Selbstmord nahezulegen: „Es hat mich Nächte gekostet, diesen Vorschlag zu machen, das können Sie mir glauben. Es wäre doch nun eigentlich Ihre Pflicht, mit Ihrem Leben Schluß zu machen, als Ehrenmann die Konsequenzen zu ziehen, finden Sie nicht?“ (S. 108) Er appelliert an Ills „Gemeinschaftsgefühl“, an seine „Liebe zur Vaterstadt“, beschwört Güllens „bittere Not, das Elend, die hungrigen Kinder“ (S. 108).

Doch Ill durchschaut auch diese Floskeln. Er weiß, dass der Bürgermeister lediglich die Verantwortung für den nahenden Mord von sich und der Güllener Gemeinde abschieben will. Er wiederholt, was er bereits zum Pfarrer sagte, dass er „durch die Hölle gegangen“ (S. 108) sei, und stellt klar, dass er den Güllenern keinerlei Gefallen mehr schulde: „Hättet ihr mir diese Angst erspart, dieses grauenhafte Fürchten, wäre alles anders gekommen, könnten wir anders reden, würde ich das Gewehr nehmen“ (S. 108 f.).

Ill erklärt, dass er mit sich selbst ins Reine gekommen sei, und stellt seine letzte Bedingung:

Ihr müßt nun meine Richter sein. […] Für mich ist es die Gerechtigkeit, was es für euch ist, weiß ich nicht. Gott gebe, daß ihr vor eurem Urteil besteht. Ihr könnt mich töten, ich klage nicht, protestiere nicht, wehre mich nicht, aber euer Handeln kann ich euch nicht abnehmen. (S. 109).

Der Bürgermeister weiß dieser moralischen Standhaftigkeit nichts entgegenzusetzen; er reagiert lediglich beleidigt und wirft Ill eine letzte Beleidigung an den Kopf: „Sie verpassen die Chance, sich reinzuwaschen, ein halbwegs anständiger Mensch zu werden“ (S. 109). Als Ill ihn zuletzt mit den Worten verabschiedet: „Feuer, Herr Bürgermeister“, und „ihm die Zigarette an“ zündet (S. 109), ist dies einerseits Ills bildliche Geste in Bezug auf seine Unterwerfung, andererseits ist es aber auch der wortwörtliche Schießbefehl an den Bürgermeister und die Untermauerung der Forderung: Ermorden müssen die Güllener Ill letztlich durch eigene Hand.

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