Detektiv- oder Kriminalroman?

Krimi und Detektivroman

Problematisch ist die Begrifflichkeit von Kriminalroman und Detektivroman, da im normalen Sprachgebrauch beide Begriffe öfter deckungsgleich verwendet werden. Der Autor Friedrich Dürrenmatt bezeichnet sein Werk selbst als „Kriminalroman“.

Die Literaturwissenschaft der 1960er und 1970er Jahre setzte sich intensiv mit der literarischen Darstellung von Verbrechen auseinander. Die gängige Unterscheidung von Richard Alewyn lautet, dass ein Kriminalroman die Geschichte eines Verbrechens beleuchtet: Er rückt die Lebensgeschichte und die Psychologie des Täters in den Vordergrund und …

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Matthäi als realistischer Detektivfigur

Der Entwurf der klassischen Detektivfigur stammte aus einer Zeit, in welcher der Wissenschaftsglaube so stark war, dass man glaubte, mit logischem Denken und genauem wissenschaftlichen Arbeiten alles beherrschen und ergründen zu können. Sie wurde durch den Autor Sir Arthur Conan Doyle erschaffen, der mit Sherlock Holmes die Blaupause für Tausende weitere literarische Detektivfiguren in den 1890er Jahren erschuf. Zuvor hatte Edgar Allan Poe mit Dupin in den 1840er Jahren eine ähnliche Figur kreiert.

Matthäi wird von Dr. H. als sein „fähigster Mann“ (S. 14) charakterisiert, der für ihn in größerem Maße als alle literarischen Detektivfiguren ein Genie war (S. 14). In seinem Metier ist er sehr erfolgreich, aber auch skrupellos. Er agiert auch ganz klar in klassischer Detektivmanier und zieht im Laufe seiner Ermittlungen genau die richtigen Schl…

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Irreführung des Lesers

Wie fast immer im klassischen Krimi löst ein Mord am Anfang der Erzählung die Ermittlungen und Handlungen der Detektivfigur in Das Versprechen aus. Ein moderner Krimi ist neben der klaren Struktur auch durch verschiedene Hinweise gekennzeichnet, anhand derer der Leser an der Lösung des Rätsels teilnehmen kann. Dies nennt man die Regel des „Fair Play“ zwischen dem Autor und dem Leser. 

Dürrenmatt nutzt auch bewusst die Irreführung des Lesers In das Versprechen. So erfährt der Leser schon kurz nach der Meldung des Mordes, dass der Hausierer von Gunten früher bereits wegen eines Sittlichkeitsdelikts an einer Vierzehnjährigen verurteilt wurde (S. 19). Damit wird bereits früh eine falsche Spur bezüglich des Täters ausgelegt, die den Leser in die Irre führen soll. Ebenso wie auch der Leser glauben fast alle, dass der Hausierer das junge Mädchen umgebracht hat (S. 38).

Der Leser erfährt kurz vor dem Verhör des Hausierers, dass es sich bereits um den dritten Kindermord dieser Art handelt (S. 39). Vor fünf Jahren wurde ein Mädchen im Sankt-Gallischen und vor zwei Jahren ein Mädchen im Kanton Schwyz getötet. Beide wurden ebenfalls mit einem Rasiermesser getötet, vom Täter fehlt jede Spur (S. 39). In Dürrenmatts Kriminalroman ist die Mordmethode ist schlicht und unkompliziert. Sie unterscheidet sich von der raf…

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Täterbeschreibung

Die Täterbeschreibung deutet allerdings darauf hin, dass von Gunten nicht der Mörder ist. Weitere Indizien für Matthäi und den Leser liefert Gritlis beste Schulfreundin, Ursula Fehlmann. Sie erzählt Dr. H. und Matthäi, dass Gritli im Wald einen Riesen getroffen hat, der groß wie ein Berg und ganz schwarz war (S. 47). Er schenkte ihr immer Igel und war selbst voller kleiner Igel. Daher nennt sie ihn den Igelriesen. Matthäi erfährt, dass es ein Bild vom Igelriesen gibt, das Gritli gemalt hat. Er ent…

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Das Profiling durch Prof. Locher

Prof. Locher beschreibt den Täter aufgrund der Darstellung auf Gritlis Bild als großen und massigen Menschen, der wahrscheinlich „mehr oder weniger schwachsinnig“ (S. 86) ist. Er wird wahrscheinlich zur Gewalttat neigen und gegenüber Frauen Minderwertigkeitskomplexe haben oder unter Impotenz leiden (S. 86). Aufgrund des Datums der Zeichnung zieht er den Schluss, dass Gritli vor ihrem Tod mehrere Male auf ihn getroffen sein muss.

Die Tatsache, dass Gritli die Begegnung als ein Märchen dargestellt hat, kann damit zu tun haben, dass ihr der Täter verboten hatte, über ihre Treffen zu sprechen (S. 87). Für Prof. Locher steht fest, dass es sich nicht um einen Lustmord, sondern um einen Racheakt handelt. Der Täter will sich an Frauen rächen und vergeht sich deshalb an kleinen Mädchen, da er sich nicht an Frauen heranwagt. Ebenso…

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Matthäis logische Schlussfolgerungen

Kennzeichnend für den modernen Krimi ist, dass die Detektivfigur bei der Enträtselung des Falles sehr logisch vorgeht. Als Dr. H. Matthäi in dessen Tankstelle aufsucht, erfährt er, was dieser im Laufe der letzten Zeit im Mordfall Gritli Moser herausgefunden hat. So ließ Matthäi mehrere Kinder einen Steinbock zeichnen. So erkennt er, dass alle Zeichnungen dem seltsamen Tier ähneln, das auf der Zeichnung von Gritli zu erkennen ist. Daraus schließt er, dass auf dem Nummernschild des Täters ein Steinbock abgebildet war, der das Wappentier der Gegend Graubünden ist (S. 100-101). Als er seine These überprüft, erkennt er, dass alle drei Morde auf der Strecke Graubünden-Zürich verübt worden sind (S. 101).

Da er das große Areal, aus dem der Täter kommt, nicht alleine durchkämmen kann, mietet er eine Tankstelle an, an welcher der Mörder auf jeden Fall vorbeikommen muss, und verwendet Annemarie als Köde…

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Die möglichen Enden des Romans

Dr. H. beschreibt am Ende seines Berichts über Matthäi, welche Möglichkeiten ein Schriftsteller hat, dieses Konstrukt aufzulösen: „Man brauche nur [...] Matthäi recht bekommen und den Mörder fangen zu lassen, und schon ergebe sich der schönste Roman oder Filmstoff“ (S. 132). Dürrenmatt bezieht sich damit ironisch auf das Filmende von „Es geschah am hellichten Tage“, dessen Ende er als unrealistisch betrachtete.

Typisch für den Kriminalroman ist der sogenannte „Twist“. Dies bezeichnet den Kunstgriff eines Autors am Ende eines Kriminalromans, „die Dinge durch einen bestimmten Dreh durchsichtig zu machen“ (S. 133). Dies wird im modernen Krimi meist durch die Figur des allmächtigen Detektivs geleistet, der dadurch „geradezu eine biblische Gestalt, eine Art moderner Abraham an Hoffnung und Glaube“ (S. 133) wird.

Berühmt ist im klassischen Krimi vor allem die sogenannte Kaminzimmerszene: Am Ende des Krimis werden alle verdächtigen und unverdächtigen Personen in einem Raum versammelt (in englischsprachigen Romanen meist das Kaminzimmer) und die Detektivfigur erörtert den gesamten Fall noch einmal. Am Ende seiner Ausführungen stellt er den Täter bloß, der sich in der versammelten Runde befindet.

In „Das Versprechen“ wird der „Twist“ durch den scheinbar zufälligen Bericht von Frau Schrott erzeugt, die nur deshalb gesteht, weil sie im Moment ihrer Beichte durch den roten Rock ihres Patenkindes an die Morde erinn…

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„Das Versprechen“ als ein Traktat über den Kriminalroman

Ulrich Greiner bezeichnet das Werk sogar als ein Traktat zum Thema Kriminalroman, Quelle. Darauf deutet unter anderem der Untertitel hin. In der Erzählung selbst wird das Traktat sprachgewaltig von Dr. H. ausgeführt und ist somit literarisiert. Betrachtet man das Werk als ein Traktat, so muss zwischen der literarischen Ebene und der Metaebene unterschieden werden. Auf der literarischen Ebene geht es um den Mordfall an Gritli Moser und dessen unglückliche Aufdeckung. Auf der Metaebene baut Dürrenm…

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