Rezension

Kafka ist ein Schriftsteller, dessen Werk vielen Lesern rätselhaft bleibt und sich trotz der vielfachen Deutungsversuche doch nie ganz erschließen mag. Auch der Roman „Der Verschollene“ lässt beim Leser viele Fragen offen. Gerade hierin liegt aber auch eine Stärke.  Viele Situationen bleiben auch dem Leser rätselhaft und undurchschaubar. Dadurch bleibt der Roman bis zuletzt spannend.

Aufgrund des einzigartigen Schreibstils Kafkas wird der Leser ganz in die Romanwelt mit hineingezogen und  nimmt Anteil am Schicksal  des Protagonisten Karl Rossmann, der in Amerika auf sich allein gestellt ist und vergeblich versucht, dort Fuß zu fassen. Der Leser empfindet die Irrungen und Wirrungen des Protagonisten mit, in die ihn die Umstände, aber auch die Personen, denen er begegnet, hineinführen und die ihn schließlich vollkommen in den sozialen Abstieg führen.

Obwohl „Der Verschollene“ die bei Kafka bekannte düstere Grundtendenz aufweist, zeigt der Roman dennoch  einen nicht ganz erklärbaren Optimismus. Dies könnte vor allem an der stoischen Gelassenheit liegen, mit welcher der Protagonist Karl Rossmann alle Schikanen, die ihm in Amerika angetan werden, aushält und sich in den neuen Gegebenheiten zwangsläufig zurechtfindet.

Dies zeigt sich,  als er beispielsweise als Diener im Dienste der fettleibigen Sängerin Brunelda und des Tausendsassas  Delamarche steht und eigentlich ein menschenunwürdiges Leben führt.  Das Fragment „Auf auf Robinson“ zeigt Karl, wie er mit Robinson für Brunelda ein Frühstück aus Resten zubereiten muss. Doch Karl versucht, auch diese Arbeit genauso gewissenhaft auszuführen wie seine vorherige Tätigkeit als Liftjunge.

In vielen Detailbeschreibungen wirkt der Roman äußerst komisch  und hat Momente, die an die Slapstick–Elemente eines Stummfilms erinnern. Etwa dann, wenn das Aussehen und das exzentrische Verhalten Bruneldas beschrieben werden, die durchweg eine tragisch-komische Figur abgibt und ihren Höhepunkt wohl darin findet, als Karl sie wie einen Sack Kartoffeln in einem Bordell abliefert. Auch das Naturtheater von Oklahoma bietet viele Register der Komik. In der Verbindung der beiden Elemente, des Tragischen und des Komischen, wird ebenfalls die große Schreibkunst Kafkas deutlich.

Der Roman liefert außerdem eine äußerst treffende zeitkritische Studie. Kafka greift zu seiner Zeit höchst aktuelle Themen auf und hinterfragt sie mit einem fast prophetischen Blick: Kafka zeigt, wie der Mensch in der bereits fortgeschrittenen technisierten Welt immer mehr entmenschlicht und selbst nur mehr zu einem Arbeitsapparat degradiert wird. Damit hat er schon vor über hundert Jahren eine Tendenz in der gesellschaftlichen Entwicklung gesehen, die in unserer Zeit auf einen Zustand höchster  Brisanz zusteuert. In seinen Detailaufnahmen und präzisen, oft bildhaften sprachlichen Ausdrucksformen sowie seiner Erzählform ist auch dieser Roman Kafkas virtuos und einzigartig.