Religiöse Elemente

In Kafkas Roman „Der Verschollene“ lassen sich auch religiös behaftete Motive erkennen. Diese sind eng mit dem Amerikabild, das Kafka im Roman entwirft, und mit dem Handlungsschema von Schuldzuweisung und Verstoßung geknüpft. Es ist eindeutig herauszulesen, dass religiöse Bezüge hergestellt werden, um sie gleichzeitig auch kritisch zu hinterfragen. Kafka benutzt hierfür auch das Mittel der Ironie und Parodie.

Amerika - das ‚paradiesische‘ verheißungsvolle Land

Karl Rossmann kommt nach Amerika, weil er in den Augen der Eltern eine Schuld auf sich geladen hat, wegen der er von ihnen verstoßen wird. Trotzdem bietet sich ihm in Amerika unverhofft  die Möglichkeit eines Neuanfangs, als er seinen Onkel trifft.

Sein Onkel führt ihm vor Augen, was das Leben in Amerika bieten kann: Wer verantwortungsvoll handelt, kann sich schrittweise hocharbeiten und zu Wohlstand gelangen. Insofern entspricht das Amerika im Roman zunächst  der gängigen Vorstellung von dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten. In einen religiösen Kontext gebettet, bedeutet dies, dass Amerika ein Land der Verheißung ist, ähnlich dem ‚gelobten Land‘, von dem im Alten Testament die Rede ist.

Die ‚Gebote‘ des Onkels

Theoretisch kann Karl, obwohl er nach den Maßstäben der Eltern bereits ‚gesündigt‘ hat, trotzdem noch ein ehrbares Leben führen, weil er von seinem wohlwollenden Onkel geleitet wird. 

So wie auch Gott jedem Sünder vergibt, so nimmt der gütige Onkel den verlorenen Sohn bei sich auf und gibt ihm die Chance für einen Neuanfang.

Allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen: Der Onkel gibt ihm Regeln vor, an die er sich halten muss. Es sind die Prinzipien des Onkels, nach denen Karls Leben ausgerichtet wird. Handelt er nach diesen Regeln, so hat er nichts zu befürchten. Dies erinnert an die zehn Gebote, die Moses von Gott empfängt und die im christlichen Verständnis  das Regelwerk des menschlichen Miteinanders bilden.

Überschreitung der Verbote - Bestrafung

Karl aber verstößt gegen die Prinzipien seines Onkels und wird daraufhin von ihm verstoßen. Damit zeigt sich der Onkel als eine machtvolle Instanz, der gottgleich über das Schicksal seines ‚Sohnes‘ entscheiden kann.

Dieses Motiv führt der Roman auch mit der Hotel-Episode fort. Obwohl Karl versucht, alle Gesetze zu beachten, verletzt er immer wieder die gebotenen Regeln und wird von einer oberen Instanz bestraft. Die Gerechtigkeit, auf die Karl immer wieder hofft und für die er plädiert, hat keinen Bestand. Nur eine machtvolle Person, wie der Vater, der Onkel oder der Oberkellner, entscheidet wie Gott über Gut und Böse, Richtig und Falsch. Dass dieses Urteil keineswegs gerecht ist, sondern durchaus  von der Willkür eines Einzelnen abhängt und so entscheiden wird, „wie einem in der ersten Wut das Urteil aus dem Munde fährt“ (S.180),  erkennt Karl sehr schnell.  In der Konsequenz bedeutet dies, dass es auch einen gerechten Gott nicht gibt. 

Die Fackel der Freiheitsgöttin

Der Regelverstoß, den Karl immer wieder...

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