Zeitgeschichtlicher Kontext

Prag

Prag repräsentierte seit dem Mittelalter eine europäische Metropole und eine glanzvolle Stadt. Im 14. Jahrhundert ernannte  der König von Böhmen und spätere Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Karl IV., Prag zur Reichshauptstadt und zum Kaisersitz. So feierte Prag sowohl wirtschaftlich als auch kulturell seine erste Blütezeit. Nachdem die religiös motivierten Kriege zwischen der katholischen Kirche und den Hussiten im 15. Jahrhundert viele Teile und historischen Stätten Prags zerstört hatten, gelang der Wiederaufbau, sodass Prag im 16. Jahrhundert eine neue Hochzeit erlebte.

Unter der langen Herrschaft der Habsburger Dynastie seit dem 16. Jahrhundert wurde der Regierungssitz zunächst nach Wien verlegt, wurde aber durch Rudolf II., den Nachfolger Karl des IV. wieder nach Prag verlagert. Prag nahm nun wieder eine wirtschaftliche, kulturelle und nun auch wissenschaftliche Ausnahmestellung  in Europa ein.

Eine Zäsur bildete der 1618 begonnene 'Dreißigjährige Krieg', in dessen Fortgang sich ein geschichtlich wichtiges Ereignis in Prag abspielte: In der Prager Burg ereignete sich der sog. „Fenstersturz“, der den Beginn des Dreißigjährigen Krieges markierte: Der tschechischen protestantischen Adeligen wehrten sich gegen die Aufhebung der einst zugesicherten  Religionsfreiheit durch die katholischen Herrscher. Sie stürmten die Prager Burg und warfen den böhmischen Statthalter und Staatsekretär des derzeitigen Kaisers Ferdinand II. aus dem Fenster.  Bei der Schlacht auf dem Weißen Berg von 1620 besiegten die katholischen Habsburger den tschechischen protestantischen Adel. Die Protestanten wurden vertrieben und die tschechische Kultur nach und nach ganz verdrängt.

Erst 1784, mit der Zusammenführung der vier einst unabhängigen Stadtteile Hradschin, Altstadt, Neustadt und Unterstadt, wurde eine 'Erneuerung' des tschechischen Nationalbewusstseins eingeleitet und es folgte eine Phase der nationalen Wiederbelebung. Prag war im 19. Jahrhundert stark durch die Industrielle Revolution geprägt. Die Menschen zog es vom Umland in die Stadt, sodass die Bevölkerungszahl drastisch anstieg und Prag expandierte.

Seit 1867 war Prag durch die Doppelmonarchie Österreich-Ungarn Teil eines Vielvölkerstaates, dessen Ende der Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 markierte. Doch die in Prag lebenden national ausgerichteten  Tschechen wollten sich schon lange von der Doppelmonarchie befreien.  So verbündeten sich die Nationalisten mit Frankreich, England und den USA gegen Österreich-Ungarn. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns im Jahr 1918 wurde Prag zur Hauptstadt der neu gegründeten Tschechoslowakei.

Kafka hat Zeit seines Lebens in Prag gelebt. Die Stadt Prag als gesellschaftlicher und kultureller Lebensraum hat sein literarisches Schaffen wesentlich mitgeformt.

Deutsch und Tschechisch

Schon seit dem 9./10. Jahrhundert lebten in Prag nicht nur Tschechen, sondern auch Deutsche und deutsche oder tschechische Juden. So existierten seit dem Mittelalter beide Sprachen nebeneinander. Nachdem der tschechische Adel in der Schlacht am Weißen Berg 1620 geschlagen worden war, wurden auch die tschechische Sprache und Kultur mehr und mehr verdrängt.

Als Teil des Vielvölkerstaats unter der Habsburger Monarchie wurde die deutsche Sprache von der regierenden Herrschaft trotz des geringen Anteils der deutsch–österreichischen Stadtbewohner weiter etabliert. Kaiser Josef II. erhob das Deutsche zur offiziellen Amtssprache, obwohl nur etwa ein Viertel der Bevölkerung Deutsch sprach. Auch im Bereich der Wissenschaft wurde, etwa durch die  1780 gegründete ‚Königliche Böhmische Gesellschaft der Wissenschaften‘, das Deutsche zunehmend  zu einer Sprache des Bildungsbürgertums und das Tschechische zunehmend zur Sprache der Mittel- und Unterschicht Prags.

Zu Lebzeiten Kafkas repräsentierten die Tschechen mit 90 Prozent den größten Teil der Bevölkerung. Die Deutsch-Österreicher umfassten etwa 5 Prozent und der Rest die jüdische Bevölkerung. Von etwa 600.000 Pragern zählten rund 30.000 zu den Deutsch- sprechenden, von denen die Hälfte Juden war. Zur Zeit Kafkas  war Prag durch die folgenden ethnischen, soz...

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