Das Gericht

Das Gericht verkörpert die Staatsgewalt und ihre Macht, die den Protagonisten Josef K. im Laufe des Romans zermürbt. Die Interpretation des Gerichts als Instanz zeigt die Kritik, die Kafka dem Staat gegenüber äußerte und gibt Anhaltspunkte für eine Interpretation unter aktuellen Gesichtspunkten, etwa moderne bürokratische Strukturen.

Undurchsichtigkeit und Allwissenheit

Somit ist K.s Verhaftung im wörtlichen Sinn zu verstehen, er wird voll und ganz vom Gericht vereinnahmt und die Fixierung auf das Gericht nimmt so seinen Anfang. Die Figurenkreise bei der Verhaftung (Gerichtsdiener, Zuschauer, Bankangestellte) sind hoch funktionalisierte Einheiten, die dem Zweck dienen, die Selbstgewissheit des Individuums K. zu erschüttern. Und sie spiegeln die allwissende, allumfassende Macht des Gerichts wider. Die Verhaftung startet einen Prozess der Obsession bei K. und löst die Grenzen aller seiner Lebensbereiche auf. Daher ist zu vermuten, dass K. eine allgemeine Schuld auf sich geladen hat. Mit der Verhaftung beginnt aber auch der konsequente Verdrängungsprozess bei K., der sich nie einer Schuld bewusst ist.

Das Gericht bleibt im Laufe der Handlung undurchsichtig und anonym. Auf die Frage „Und der Sinn dieser großen Organisation, meine Herren?“ (S.37) erhält K. nie eine Antwort. Zwischen den Äußerungen K.s  am Anfang „Wer sind Sie?“ (S.5) und der Frage, als die Henker ihn am Ende abholen, „Sie sind also für mich bestimmt?“ (S.162) wird weder klar, mit welcher Legitimation das Gericht über K. richtet, noch welche Identität das Gericht überhaupt hat. Das Wesen des Gerichts liegt immer im Dunklen verborgen. Dennoch fixiert sich K. immer mehr auf das Gericht und versucht, es zu verstehen. Obwohl er am Anfang die Macht des Gerichts nicht anerkennt und die Wächter nach ihrer Legitimation fragt („Sie sind je gefangen.“ „Es sieht so aus“, sagte K. „Und warum denn?“, S.6) bzw. dem Gericht während der ersten Verhandlung Ungerechtigkeit, Korruption (S.37) und persönliche Bereicherung (S.38) vorwirft, hat das Gericht dennoch Macht über K. gewonnen. Er wartet nach der ersten Verhandlung gar „Tag für Tag“ (S.39) auf eine Nachricht über den Fortgang des Verfahrens.

Das Gericht ist allgegenwärtig. ...

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