Die Frage der Schuld

Die Frage nach der Schuld im „Prozess“ hat nichts mit dem alltäglichen Verständnis von Schuld zu tun. Nach landläufiger Meinung macht sich jemand schuldig, indem er ein Gesetz verletzt. Daraufhin wird ein Prozess gegen ihn eröffnet. Vor einem ordentlichen Gericht erfährt der Angeklagte dann, warum er angeklagt ist, und hat die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Nach diesen Maßstäben beurteilt auch K. anfänglich das gegen ihn geführte Verfahren, wenn er den Prozess als ein „Geschäft“ (S.89) bezeichnet. Jedoch weicht die Handlung wesentlich von diesem Alltagsverständnis ab.

Im gesamten Roman wird nicht ein einziges Mal explizit erwähnt, worin K.s Schuld bestehen soll. Es gibt nur eine einzige Figur, die K. überhaupt fragt, ob er schuldig ist, und das ist Titorelli („Sie sind unschuldig?“, S.107). Die Verhaftung selbst erscheint dem Gericht als Schuldbeweis genug. Dennoch wird K. nie müde, seine Unschuld zu beteuern. Bis zum Ende ist er sich auch keiner Schuld bewusst. Um zu verstehen, was Kafka mit der Schuldfrage ausdrücken wollte, bieten sich verschiedene Lesarten an: 

Die existenzielle Antwort

Die existenzielle Lesart der Schuldfrage baut zunächst auf einer Aussage K.s auf: „Ich bin aber nicht schuldig […] es ist ein Irrtum. Wie kann denn ein Mensch überhaupt schuldig sein. Wir sind hier doch alle Menschen, einer wie der andere“ (S.154). Dieser Satz lässt sich nun aus zwei verschiedenen Richtungen interpretieren. Zum einen kann der Satz bedeuten, dass der Fall, dass ein Mensch unschuldig ist, der normale Fall ist. Zum anderen kann er aber auch dahin gehend verstanden werden, dass jeder Mensch ohne Unterschied schuldig ist.

Die Schuld ist somit ein grundlegendes Element menschlicher Exis...

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