Filmrezension

Orson Welles Verfilmung von Frank Kafkas „Der Prozess“ von 1962 nimmt sich der schwierigen Aufgabe an, das unheimliche Romanfragment in Bilder zu transferieren. Dem Film gelingt es auch, eine bedrückende Stimmung zu erzeugen. Der Hauptprotagonist K. bewegt sich in Räumen, die meist unübersichtlich groß, teilweise fast barock ausgeschmückt sind. Die Drehorte erscheinen dabei auf der einen Seite fast provisorisch und etwas heruntergekommen, dem stehen aber auch Orte gegenüber, die fast steril wirken. Die Räumlichkeiten vermögen es, die Verlorenheit des Protagonisten in Bildern auszudrücken. Stets sind die Einstellungen so gewählt, dass wir die Perspektive K.s verfolgen und nie einen vollständigen Überblick über die Szene zu gewinnen scheinen. Unterstützt wird diese Unübersichtlichkeit durch Aktenberge, wie sie im Haus Hulds (im Film „Hastler“) und im Gericht zu sehen sind. Diese großen Massen an Unterlagen unterstreichen die Verlorenheit des Protagonisten im bürokratischen, anonymen Apparat des Gerichts. Die Trostlosigkeit und Größe der Räume im Film schaffen eine bedrohliche Situation, in der die Individuen fast untergehen und nur noch wie Requisiten in einer großen Struktur wirken. Prägnant wird dies veranschaulicht, als K. nach seinem ersten Besuch im Gericht den Sitzungssaal verlässt und vor einer überdimensionierten Tür steht. Somit entwickelt der Film eine „kafkaeske“ Kohärenz, die bewirkt, dass man die Verlorenheit des Protagonisten angesichts großer, unbekannter Strukturen direkt nachvollziehen kann.

Dabei schafft es der Film, auch zu zeigen, wie der Mensch einer technisierten Welt ausgeliefert ist, die scheinbar die Kontrolle über ihn übernommen hat. Angefangen bei der Halle in der Bank, in der die Angestellten alle wie hypnotisiert an ihren Arbeitsplätzen sitzen, bis hin zur Tötung K.s, die nicht per Hand, sondern mit Dynamit vorgenommen wird: Es wird gezeigt, wie der moderne Mensch an hoch funktionalisierte Arbeitsprozesse und die Errungenschaften, die aus ihnen resultieren, gebunden ist. Die Rechenmaschine, die in der Bank erwähnt wird und wohl zukünftige Ereignisse errechnen kann, ist nur eine Randerscheinung im Film, bildet in dieser Hinsicht aber den absoluten Höhepunkt, denn sie spiegelt die Abhängigkeit des Menschen von technischen Prozessen wider.

Orson Welles versteht es, mit seinem Film eine ähnliche Stimmung zu entwickeln, wie dies Kafka in seinem Roman vermochte. Ohne jemals das Gericht konkret als ein bestimmtes Etwas zu interpretieren, wird der Zuschauer einem Fluss des Unverständlichen und Undurchsichtigen ausgesetzt. Düster und expressionistisch ist Welles Verfilmung gestaltet und präsentiert  durch ihre meisterhafte Bebilderung eine bedrückende Interpretation des Adjektivs „kafkaesk“. Der Film stellt indirekt nicht nur die Frage nach der Integrität des Einzelnen gegenüber überbordenden, undurchsichtigen Machtstrukturen, sondern verweist auch darauf, dass die Abhängigkeitsstrukturen die Frucht der technischen, also letztlich der kulturellen Entwicklung des Menschen sind.