Literarischer Hintergrund

Umbrüche und neue Erzählformen

Die Literatur des frühen 20. Jahrhunderts wurde von den zeitgenössischen gesellschaftlichen Umbrüchen und den sich neu entwickelnden Wissenschaften geprägt, vor allem durch die Psychoanalyse Sigmund Freuds. Es kam zu einer stärkeren Innerlichkeit, also einer stärkeren Beschäftigung mit den innerlichen Vorgängen in der Psyche des Menschen (Duttlinger 2013, S. 9-11).

Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gab es zunehmend Intellektuelle, die infrage stellten, dass man mit Sprache Gefühle und innerliche Erfahrungen ausdrücken kann. Berühmte Vertreter dieser sogenannten Sprachkrise oder Sprachskepsis sind der Philosoph Friedrich Nietzsche und der Autor Hugo von Hofmannsthal (Duttlinger 2013, S. 8-9).

Es kamen Zweifel auf, ob die her…

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Kafkas besondere Schreibtechnik

Kafka ist zwar durch die Ideen der Psychoanalyse beeinflusst, aber es ist festzuhalten, dass er dem Leser nicht die psychologischen Vorgänge seiner Figuren zeigt. Es geht bei ihm zwar um psychologische, also innerliche Vorgänge, aber er benennt sie nicht. Die Gedanken und die Erlebnisse der Hauptfigur werden nüchtern und sachlich aus Georgs Sicht geschildert. Trotzdem erhält der Leser keinen wirklichen direkten Zugang zu dem, was Georg wirklich denkt und was ihn wirklich motiviert (Oschmann 2010, S. 440).

Besonders neu war Kafkas Erzählmodus. Er beschränkt das Erzählte auf die Wahrnehmun…

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Kafkas eigenständiger Erzählstil

Der nüchterne Schreibstil

Das Urteil wird dem mittleren Werk Kafkas zugeteilt und gilt als sein literarischer Durchbruch. Denn hier verhandelt er zum ersten Mal nicht nur persönliche Probleme, sondern hebt die Erzählung auf eine höhere Ebene, sodass sie allgemeinere Konflikte repräsentiert, wie zum Beispiel die bürgerliche Heirat oder den Vater-Sohn- bzw. Generationenkonflikt in Bezug auf den zeitgenössischen Umbruch.

Zudem zeigt sich im Urteil zum ersten Mal sein persönlich ausgebildeter außergewöhnlicher Erzählstil (Ritzer 2010, S. 152; Oschmann 2010, S. 438). In Kafkas Erzählstil kommt es bei ihm zu einer Reduktion der Sprache. Es geht ihm um Präzision und Klarheit. Damit wendet er sich gegen die überschwängliche und Allegorien reiche Sprache des Expressionismus und Symbolismus. Außerdem entwickelt er einen neuen Erzählstil, mit dem er versucht, die komplexe sich verändernde Welt nüchtern und präzise zu schildern (Oschmann 2010, S. 440-441). So wird z.B. relativ sachlich von Georgs Suizid berichtet: „Noch hielt er sich mit schwächer werdenden Händen fest, erspähte zwischen den Geländerstangen einen Autoomnibus, der mit Leichtigkeit seinen Fall übertönen würde, rief leise: »Liebe Eltern, ich habe euch doch immer geliebt «, und ließ sich hinabfallen“ (S. 60).

Die Mehrdeutigkeit der Erzählung

Kafkas Texte sind oft alogisch, das heißt, es gibt Sprünge in der Handlung, die nicht logisch nachvollziehbar sind, es passiert Unerwartetes und es werden viele Fragen gestellt, die nicht beantwortet werden. Dies kommt z.B. im Urteil vor, als plötzlich der zuvor als krank und schwach beschriebene Vater plötzlich voller Kraft im Bett aufspringt: „»Nein!« rief der Vater, daß die Antwort an die Frage stieß, warf die Decke zurück mit einer Kraft, daß sie einen Augenblick im Fluge sich ganz entfaltete, und stand aufrecht im Bett“ (S. 56).

Dahe…

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