Der Konflikt Vater-Sohn

Der potente Vater

In mehreren eindrucksvollen Bildern schildert der Sohn die Überlegenheit des Vaters, wenn er ihn als „riesenhaft“ (S. 151) bezeichnet, oder durch seine naive Vorstellung, der Vater würde sich über die ganze Weltkarte ausstrecken (S.186). Der Sohn beschreibt, dass der Vater ihm körperlich immer überlegen war und dass er sich schon in seiner Jugend durch den kräftigen Körper des Vaters eingeschüchtert fühlte:

„Ich war ja schon niedergedrückt durch Deine bloße Körperlichkeit. Ich erinnere mich zum Beispiel daran, wie wir uns öfters zusammen in einer Kabine auszogen. Ich mager, schwach, schmal, Du stark, groß, breit. Schon in der Kabine kam ich mir jämmerlich vor, und zwar nicht nur vor Dir, sondern vor der ganzen Welt, denn Du warst für mich das Maß aller Dinge“ (S.141).

Ihm war klar, dass er in seiner Gestalt nicht dem Idealbild des Vaters entsprach. Gleichzeitig bewundert er den Vater, den er als eine Art Superman charakterisiert.

Zu der körperlichen Überlegenheit des Vaters kommt noch dessen geistige Überheblichkeit hinzu. Der Sohn beschreibt, dass der Vater so sehr von der Richtigkeit seiner eigenen Meinung überzeugt war, dass er keine andere Meinung gelten ließ: „Dem entsprach weiter Deine geistige Oberherrschaft. Du hattest Dich allein durch eigene Kraft so hoch hinaufgearbeitet, infolgedessen hattest Du unbeschränktes Vertrauen zu Deiner Meinung“ (S.141).

Der Vater hat zudem die Macht, über den Sohn zu urteilen und ihn zu zensieren: „Alle diese von Dir scheinbar unabhängigen Gedanken waren von Anfang an belastet mit Deinem absprechenden Urteil […]“ (S. 142).

Die unmögliche Gleichberechtigung und die Entfremdung

Der Sohn beklagt sich, dass er nie wirklich die Möglichkeit gehabt hat, in den Augen des Vaters gleichwertig zu werden. Der Vater selbst ist in finanziell schwierigen Verhältnissen aufgewachsen und beschämt die Kinder durch Geschichten aus seiner Vergangenheit, in denen er erzählt, wie schwer er es hatte und wie viel er für seinen jetzigen Wohlstand und finanzielle Absicherung geschuftet hat. Dem Sohn wirft er vor, die harte Arbeit des Vaters nicht zu würdigen und ihm nicht dankbar zu sein: „Du hast dein ganzes Leben lang schwer gearbeitet, alles für Deine Kinder, vor allem für mich geopfert, ich habe infolgedessen ‚in Saus und Braus‘ gelebt […]“ (S.135).

Diese Vorwürfe lösen bei dem Sohn einen Zwiespalt aus. Er fühlt sich schlecht dabei, das Erarbeitete und das gute Leben, das ihm der Vater bereitet, anzunehmen, da der Vater ihm ein schlechtes Gewissen macht. Andererseits wirft der Vater ihm, wenn er dieses gute Leben, das ihm der Vater bietet, nicht annimmt, Undankbarkeit vor. Es wird dem Sohn somit unmöglich gemacht, es dem Vater recht zu machen, und es wird ihm unmöglich, den Maßstab des Vaters zu erreichen (S.155).

Letztendlich sei aber die Entfremdung zwischen den beiden schuld daran gewesen, dass der Sohn das, was der Vater ihm zu geben hatte, nicht annehmen konnte: „Ich leugne auch nicht, daß es möglich gewesen wäre, daß ich die Früchte Deiner großen und erfolgreichen Arbeit wirklich richtig hätte genießen, verwerten und mit ihnen zu Deiner Freude hätte weiterarbeiten können, dem aber stand eben unsere Entfremdung entgegen“ (S.156).

Die Ursachen der Entfremdung zwischen Sohn und Vater haben ihre Wurzeln in der Jugendzeit des Sohnes und in der Erziehung des Vaters.

Der mächtige, inkonsequente und herrische Vater

Der Vater regiert despotisch über seiner Familie: „In Deinem Lehnstuhl regiertest Du die Welt. Deine Meinung war richt...

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