Realität und Subjektivität

Die subjektive Sichtweise des Sohnes

An mehreren Stellen des Briefes fügt der Sohn eigene Äußerungen in Form von Kommentaren ein. So sagt er zum Beispiel, als er über das Judentum des Vaters spricht: „Es war ja wirklich, soweit ich sehen konnte, ein Nichts, ein Spaß, nicht einmal ein Spaß“ (S.168).

Der Ich-Erzähler betont, „soweit ich sehen konnte“, und verdeutlicht, dass es sich um seine subjektive Wahrnehmung handelt, die nicht unbedingt den realen Tatsachen entspricht. Der Sohn relativiert damit seine Behauptung und lässt die Möglichkeit offen, dass der Vater die Dinge vielleicht völlig anders wahrnehmen könnte. Für den Vater mögen die Rituale und Formalitäten bei der Ausübung seiner Religion von Bedeutung gewesen sein, auch wenn diese Relevanz dem Sohn nicht ersichtlich war.

An anderer Stelle schreibt er: „Du bekamst für mich das Rätselhafte, das alle Tyrannen haben, deren Recht auf ihrer Person, nicht auf dem Denken begründet ist. Wenigstens schien es mir so“ (S.142). Hier betont der Sohn wiederum: „wenigstens schien es mir so“, was heißt, dass ihm klar ist, dass diese Äußerung über den Vater nicht unbedingt wahr ist und dass der Vater auf andere Menschen vielleicht nicht so gewirkt hat. Aber für ihn und aus seiner Sichtweise schien der Vater die Position eines Tyrannen einzunehmen.

Die Unsicherheit des Erzählten

Der Ich-Erzähler, der Sohn, erweist sich in seinem Brief oft als unsicher. Sein ausgeprägter Zweifel wird besonders durch das Verwenden des Adverbs „vielleicht“ verdeutlicht. Das kleine Wort erscheint 30 Mal im gesamten Text. Das erste Mal in Verbindung mit dem zentralen Thema der Ehe: „Faßt Du Dein Urteil über mich zusammen, so ergibt sich, daß Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst (mit Ausnahme vielleicht meiner letzten Heiratsabsicht)“ (S. 136).

In dieser Passage kommt die unsichere Erzählung voll zum Ausdruck: „Ich will nicht sagen, daß das unrichtig war, vielleicht war damals die Nachtruhe auf andere Weise wirklich nicht zu verschaffen, ich will aber damit Deine Erziehungsmittel und ihre Wirkung auf mich charakterisieren“ (S. 139-140). Der Ich- Erzähler will nicht die Handlung des Vaters kategorisch beurteilen, vielleicht war sie schon richtig.

In diesem Zusammenhang erfährt der Leser, dass der Vater seinen Sohn, um ihn zu bestrafen, „allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd“ (S. 139) stehen ließ. Was ein „Weilchen“ ist, wird nicht weiter erklärt, nur dass dieses Erlebnis nachfolgend eine bedeutende traumatische Auswirkung auf den Sohn hatte. Der Leser muss selbst beurteilen, was der Begriff „ein Weilchen“ bedeutet: Handelt es sich dabei um Ironie, einen Euphemismus[1] oder nur um einen kurzen Augenblick?

Viele nicht exakt definierte Begriffe, Begriffe mit Doppeldeutungen, Metaphern und Symbolen sind im Text vorhanden und lassen die Erzählung mehrmals ziemlich undurchsichtig erscheinen, wie an dieser Stelle zum Beispiel:

„Hier wird vielleicht auch unser beider Schuldlosigkeit am deutlichsten. A gibt dem B einen offenen, seiner Lebensauffassung entsprechenden, nicht sehr schönen, aber doch auch heute in der Stadt durchaus üblichen, Gesundheitsschädigungen vielleicht ve...

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