Vergleich Faust I und Faust II

Goethe hat bereits mit dem Titel der Werke einen direkten Bezug zwischen den beiden Werken hergestellt: „Faust - der Tragödie erster Teil“ und „Faust - der Tragödie zweiter Teil“.

„Faust II“ muss also gewissermaßen als eine Fortsetzung gelesen werden, obwohl das Werk formal anders konzipiert ist und auch inhaltlich eine neue Richtung nimmt. Vergleicht man beide Teile der Faust-Tragödie, so stellt man fest, dass anhand der Themen, Motive und der formalen Struktur ein deutlicher Bezug in Form von kontrastierenden Spiegelungen hergestellt worden ist.

Es gibt mehrere Elemente, die die beiden Teile der Tragödie inhaltlich und formal zusammenhalten, und sie unterscheiden.

1. Streben nach Erkenntnis, vollkommenes Glück, Teufelswette

Im ersten Teil der Tragödie steht der Wissenschaftler Dr. Heinrich Faust im Mittelpunkt. Sein unbedingter Drang nach Erkenntnis und seine Unzufriedenheit über das Nichterreichen dieser Erkenntnis bilden den Motor der Handlung. Er schließt eine Wette mit Mephistopheles, dem Teufel, ab: Dieser verspricht Faust, ihm auf Erden einen Moment des vollkommenen Glücks zu verschaffen, und verlangt von ihm im Gegenzug seine Seele im Jenseits. Mephistopheles wird im ersten Teil der Faust – Tragödie damit zum Widersacher, aber auch zum Diener und Begleiter von Faust.

Auch im zweiten Teil ist die abgeschlossene Wette zwischen Faust und Mephistopheles der eigentliche Ausgangspunkt der Handlung. Sie tritt aber immer mehr in den Hintergrund und wird erst wieder am Ende, und zwar kurz vor Fausts Tod, thematisiert.

2. Motiv der Liebe / Motiv der Schönheit

Als sich Faust mit Mephistopheles in „Faust I“ in die „Hexenküche“ begibt, erblickt er in einem Zauberspiegel das Bild von Helena, dem Inbegriff der Schönheit. Fausts Sehnsucht nach diesem Bild wird dadurch unstillbar geweckt. Mephistopheles versichert ihm, dass er fortan in jeder Frau dieses Urbild der Schönheit erblicken wird. So geschieht es, als er auf das Bürgermädchen Margarete trifft. Er sieht in ihr das Bild der Helena und verliebt sich in sie. Dieses Begehren bestimmt den weiteren Verlauf der Handlung. Es bestimmt auch Margaretes Schicksal, an dem Faust schuldig ist.

Im zweiten Teil der Faust - Tragödie ist Faust ein Schönheit Suchender. Nachdem er die real existierende Margarete mittels eines Heilschlafs vergessen konnte, träumt er immer noch von dem Traumbild der Helena. Sein Traum scheint in Erfüllung zu gehen. Er trifft Helena und beide leben in der Kunstwelt Arkadiens zusammen. Arkadien ist aber nur eine Scheinwelt, die fiktiv ist. Es geht hier nicht um die reale Liebe zwischen Faust und Helena, sondern um das Thema der idealen Verbindung zweier künstlerischer Epochen, die Faust und Helena verkörpern. Diese Zusammenführung bringt Schönheit im Sinne eines ästhetischen Verständnisses hervor.

Doch auch die Figur der Margarete taucht im zweiten Teil wieder auf und stellt so eine direkte Verbindung zu „Faust I“ her. Nach Fausts Tod bittet sie als Büßerin für die Erlösung Fausts von seiner Schuld und geleitet ihn in die himmlischen Höhen.

Es gibt zahlreiche weitere Motive, die auch in „Faust - der Tragödie zweiter Teil“ in abgewandelter Form wieder aufgenommen werden. Kontrastierend sind die Motive dann, wenn den Themen aus „Faust I“ bewusst ein Motiv aus „Faust II“ gegenübergestellt wird.

3. Welt der Wissenschaft / Welt der Tat

Faust ist im „Faust I“ ein Universalgelehrter par excellence. Die Welt der Wissenschaft bildet hier den größten Bestandteil der Motive und Szene. Die Handlung ist in weiten Teilen in seinem Studierzimmer angesiedelt, in dem er allein oder zusammen mit seinem Famulus Wagner auftritt. In der ersten Szene „Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer“ des zweiten Aktes wird diese Welt der Wissenschaft noch einmal wiederbelebt. Mephistopheles begibt sich mit dem noch immer im Heilschlaf versunkenen Faust in sein altes Studierzimmer. Dort ist alles noch genauso, wie Faust es verlassen hat. Sein einstiger Gehilfe Wagner ist nun selbst Professor geworden. Als Mephistopheles in sein „Laboratorium“ hineintritt, haben seine alchemistischen Experimente bereits Früchte getragen: Homunculus, der künstliche Mensch, ist durch seine Hand entstanden. Das Thema der Wissenschaft ist für die Figur des Homunculus entscheidend. Faust selbst hat hingegen seine Rolle als Wissenschaftler vollkommen abgelegt. Im zweiten Teil tritt Faust vor allem als unternehmerisch und politisch Handelnder auf.

4. Die kleine Welt / Die große Welt

Mephistopheles kündigt es in „Faust I“ selbst an. Nachdem er mit Faust die kleine Welt durchlebt hat, will er ihn nun in die „große Welt“ (F. I, S. 61, Z. 2052) führen. Die kleine Welt umfasst im ersten Faust...

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