Rezension

„Faust – der Tragödie zweiter Teil“ stellt keine Fortsetzung von „Faust I“ im eigentlichen Sinne dar. Bei „Faust II“ handelt es sich um ein Werk mit eigener Struktur und Ausrichtung, das eine Vielfalt an neuen Deutungsmöglichkeiten eröffnet. Mephistopheles führt Faust in die „große Welt“ (Faust I, S.61, Z.2052) ein. Dementsprechend groß ist auch das Spektrum der Motive des Werks: Es beschäftigt sich mit den Anfängen der Menschheitsgeschichte bis hin zu den Themen, die heute aktueller denn je sind. Dass Goethe auch Naturwissenschaftler war, lässt sich deutlich herauslesen.

Mit der Figur des Homunculus, des künstlich erzeugten Männleins, hat Goethe bereits die Problematik des 21. Jahrhunderts, die Gentechnologie, vorweggenommen. Dieses Thema führt er beispielsweise in geradezu meisterhafter in sein Werk ein. Homunculus begibt sich gerade zu dem Fest des Entstehens und der Verwandlung, in die klassische Walpurgisnacht, da ihm hinsichtlich seiner künstlichen Perfektion dennoch noch etwas fehlt.

Goethe nutzt den großen Fundus der griechischen Mythologie, um das Wesen und die Anfänge allen Werdens zu skizzieren. Die Dichte der Themen ist bestechend, erfordert aber auch eine konzentrierte Leseweise. Der Leser muss sich immer wieder neu zurechtfinden und in der griechischen Mythologie, aber in dem politischen und wissenschaftlichen Zeitalter Goethes bewandert sein, um die Zusammenhänge richtig deuten zu können.

Die formale Struktur des Stücks ist auf den ersten Blick nicht einfach nachzuvollziehen. Anstelle eines fortlaufenden linearen Handlungsablaufs verwendet Goethe in seinem Werk verschiedene Zeiten, Orte und Ebenen des Geschehens. Die Einteilung in fünf Akte, die exakt der Dramenkonzeption des klassischen antiken Dramas entspricht, repräsentiert nur eine äußerliche Form und wird immer wieder durchbrochen: Jeder einzelne Akt bildet einen Kosmos für sich, er ist real, symbolisch oder abstrakt zu lesen, die Übergänge dazwischen bleiben oft unerzählt. Der Sprachstil wechselt so mannigfaltig wie die Figuren. Immer wieder gibt es sehr schön zu lesende Passagen, die in einem fast lyrischen Sprachstil verfasst sind.

Faust steht als Suchender im Mittelpunkt der Handlung. Das Motiv der Suche nach einer höheren Form der Erkenntnis, die sein Handeln im „Faust I“ bestimmt, bildet den Ausgangspunkt, mit dem die Handlung eröffnet wird. Doch Fausts Welt ist nicht mehr die rein geistige. Er bewegt sich nun in der realen Welt, die ihn zum tätig werdenden Menschen macht. Dementsprechend ist es die Tat, die den Motor seiner Handlungen verkörpert.

Das Motto des strebenden Menschen, der sich auf seinem Weg auch irren kann, ist wie bereits im ersten Faust - Teil zur Leitmaxime erhoben. Unbeirrt und ohne Rücksicht auf Verluste hält Faust an seiner Vision von der Bebauung neuen Landes für ein zukünftig freies Volk fest, für die er viele Menschenleben opfert. Nur deshalb, weil Faust nicht aufhört, nach neuen Taten zu streben, wird ihm seine Schuld im Jenseits vergeben. Er bekommt damit sogar die Möglichkeit eröffnet, bis zur höchsten Vervollkommnung seiner Seele zu gelangen.

Faust ist ein Opfer des modernen Zeitalters, das den Menschen mit seiner zunehmenden Technisierung zu einem blinden Fortschrittsglauben zwingt. Die bohrende Frage, ob sein Handeln aufgrund seines strebenden Geistes tatsächlich zu rechtfertigen ist, bleibt eine berechtigt gestellte Frage. Gerade aufgrund dieser „großen“ Themen, die immer deutungsoffen und diskussionswürdig bleiben, hat Goethe Weltliteratur geschrieben. „Faust II“ verkörpert, wie schon der erste Teil, eine Parabel des Menschen.