Schuld und Vergebung

1. Himmel und Hölle

Nachdem Faust diese Worte gesprochen hat, sinkt er auf den Boden und stirbt. Mephistopheles greift das Thema des Todes symbolisch auf, indem er zunächst das Bild der Wasseruhr anführt und es gleichzeitig in einen religiösen Kontext einbettet: „Die Zeit wird Herr, der Greis hier liegt im Sand. / Die Uhr steht still- “ (S.220, Z.11592). Der Chor ergänzt: „Steht still! Sie schweigt wie Mitternacht, / Der Zeiger fällt.“ (S.220, z.11593) und Mephistopheles fügt hinzu, indem er am Ende aus der Bibel zitiert: „Er fällt, es ist vollbracht“ (S.220, Z.11593).

Mit den darauf folgenden letzten Szenen der Handlung werden die Binnenhandlung und damit der irdische Bereich verlassen und ein Bogen zu dem „Prolog im Himmel“ des ersten Teils der Faust-Tragödie geschlagen, der die Sphäre des Himmlischen eröffnet. Thematisiert werden in diesen beiden letzten Szenen „Grablegung“ und „Bergschluchten“ der Kampf des Mephistopheles mit den Engeln um Fausts Seele und Fausts Emportragung und die Rettung seiner Seele.

In der Szene „Grablegung“ sind zunächst die Lemuren auf Anordnung der Mephistopheles als Totengräber zu sehen. Mithilfe der Dürr- und Dickteufel sucht Mephistopheles nach Fausts Seele. Doch Mephistopheles hat es nicht leicht. Weder weiß er, „Wann? Wie? und Wo?“ (S.221. Z.11631) die unsterblichen Überreste zu finden sind, noch kennt er „Das ob? Sogar ist lange zweifelhaft“ (S.221, Z.11633). Obwohl er sich bemüht, „das Seelchen“ (S.222, Z.11600, „die Flatternde, die Flüchtige“ (S.223, Z.11673) zu fassen, kommt ihm die himmlische Heerschar zuvor und entführt „Faustens Unsterbliches“ (S.117, Regieanweisung).

Im Kampf zwischen Himmel und Hölle haben die Engel mit ihrem allumfassenden „Liebesspuk“ (S.227, Z.11814) Fausts Seele für sich gewinnen können. Ihre „Liebende[n] Flammen“ (S.226, Z.11801) nehmen den ganzen Raum ein, sodass auch Mephistopheles mit diesen „verruchten Flammen“ (S.227, Z.11815) zu kämpfen hat und Fausts Seele aus den Augen verliert. Für ihn ist aber die Liebe auch hier stets nur an das Körperliche gebunden, dem er auch diesmal verfällt. Mephistopheles verliert Fausts Seele und bleibt geprellt zurück: „Mir ist ein großer, einziger Schatz entwendet: / Die hohe Seele, die sich mir verpfändet, / Die haben sie mir pfiffig weggepatscht.“ (S.227, Z.11830-11831).

Das christliche Motiv des Kampfes zwischen dem Himmel und der Hölle um die Seele des Verstorbenen wird hiermit aufgenommen und gleichzeitig parodiert. Es entspricht der tragischen Ironie, mit der Fausts Leben ein Ende genommen hat. Neben dem Thema der Liebe besingt die himmlische Heerschar auch die Vergebung von Schuld, was auf die nächste Szene vorausdeutet.

2. Christentum und Liebe

Die Engel tragen Fausts Seele nun in der nächsten Szene „Bergesschluchten“ in den Himmel empor.

Dem Aufbau der Szene entsprechend zeigt das Geschehen eine Aufwärtsbewegung. Von den Bergessschluchten wird Faust stufenweise bis in den Himmel geleitet, der einen rein geistigen Bereich darstellt. Thematisch geht es um das Thema Schuld und Vergebung, Liebe und Erlösung. Erlöst wird Faust ausgerechnet von Gretchen. Sie tritt als Büßerin auf, die bei der Mater Gloriosa um Vergebung für Fausts Sünden bittet und seine Seele auf den richtigen Weg führt.

Die ganze Szenerie ist vordergründig vor dem christlichen Hintergrund gestaltet und zeigt zahlreiche Bezüge zum Katholizismus. Dennoch lässt sich der Schluss der Szene bei genauerem Hinschauen nicht im christlichen Sinn deuten. Zunächst zieht sich ein wesentliches Motiv durch die gesamte Szene, das eine eindeutige Lesart erlaubt: Das Motiv der Liebe. Es ist nicht die rein sinnliche Liebe, wie sie Mephistopheles verkörpert, sondern die allumfassende, spirituelle Liebe, die der Chor der Engel besingt: „Wendet zur Klarheit / Euch, liebende Flammen! / Die sich verdammen, / Heile die Wahrheit; / Daß sie vom Bösen / Froh sich erlösen, / Um in dem Allverein / Selig zu sein“ (S.226, Z.11801-11808).

Durch diese Liebe kann jeder erlöst werden, ganz gleich, ob er böse oder gut ist. Es gibt nicht, wie im christlichen Dogma, das letzte Gericht, das die Sünder auf ewig in die Hölle verdammt. So können alle vereini...

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