Fortschritt und Zerstörung

Die Akte vier und fünf haben ein zentrales Thema zum Inhalt: Der technische Fortschritt und die damit einhergehende Zerstörung der Natur und der darin lebenden Menschen. Nachdem Faust zu immer mehr Landbesitz gekommen ist, fängt er an, neues Land zu bebauen. Seine Kolonialisierungsbestrebungen beschreibt der fünfte Akt.

1. Der rasche technische Fortschritt

Die letzten beiden Akte thematisieren diese Entwicklung des technischen Fortschritts und den Umgang der Menschen mit den wissenschaftlichen und technischen Neuerungen kritisch.

Während Faust bis zu seinem Tod blind an das Gute seiner Vision glaubt, versucht Mephistopheles, Fausts Bedürfnis nach persönlicher Macht anzustacheln. Er verkörpert in diesen beiden Akten den nach Fortschritt strebenden Typus des Menschen, der ohne Rücksicht auf Verluste die Befriedigung seines persönlichen Bedürfnisses anstrebt. Um „Großes zu erreichen“ (S.175, Z.10126), scheut Mephistopheles nicht davor zurück, „Gewalt und Unsinn“ (S.175, Z.101216) zu begehen.

Gleich zu Beginn des vierten Aktes eilt Mephistopheles auf Siebenmeilenstiefel herbei, die die Schnelligkeit der technischen Entwicklung symbolisieren: „Ein Siebenmeilenstiefel tappt auf. Ein andrer folgt alsbald. Mephistopheles steigt ab. Der Stiefel schreitet eilig weiter“ (S. 174, Regieanweisung). Diese Passage macht deutlich, dass nicht mehr der Mensch, in diesem Fall Mephistopheles, den technischen Fortschritt für sich nutzt, also ihn beherrscht, sondern umgekehrt von der Technik zunehmend manipuliert wird. Der Siebenmeilenstiefel verselbstständigt sich und eilt ohne seinen Träger bereits weiter. Der Mensch scheint mit der sich rasant entwickelnden Technik nicht mehr Schritt halten zu können.

2. Die technisierte Kriegsführung

Obwohl Faust die Methoden des Mephistopheles ablehnt, arbeitet er dennoch mit ihm zusammen, um sein Ziel zu erreichen. Mephistopheles wird von dem Kaiser die Rolle des Heerführers übertragen. Beide verhelfen dem Kaiser in kriegerischen Auseinandersetzungen zum Sieg über den Gegenkaiser. Als Dank erhält Faust das von ihm ersehnte Uferland, von dem aus er dem Meer noch mehr Fläche abringen kann.

Erfolge erzielen Faust und Mephistopheles auch durch den Einsatz neuer technischer Kriegsmittel. So ordnet Mephistopheles den Einsatz von Schießpulver an und geht strategisch klug vor, indem er die Wasserkraft für sich zu nutzen weiß. Der noch in den Kriegstechniken des Mittelalters verhaftete Kaiser kommt dies gar „geisterhaft“ (S.189, Z.10596) vor. Die technisierte Kriegsführung sorgt nicht nur für Erleichterung und Vereinfachung, sondern birgt auch etwas Gespenstisches und Schreckhaftes in sich.

Das strategische Vorgehen verhilft zum schnellen Sieg und spiegelt ebenso das fortschrittliche Denken in der moderneren Kriegsführung wider. Die einstige lineare Kampfordnung mit Ritterheeren wird durch die flexiblere und moderne Kampfstrategie ersetzt. Der Kaiser kann über die Schnelligkeit der geglückten Auseinandersetzung nur staunen:“ Sei's wie gedeutet, so getan! / ich nehm es mit Verwundrung an.“(S. 190, Z.10638-10629).

3. Gewalt und Plünderung

Zur Unterstützung ruft Mephistopheles seine Helfer, „die drei Gewaltigen“ (S.181, Regieanweisung), hinzu: Raufebold, Habebald und Haltefest. Diese drei allegorischen Figuren symbolisieren die Methoden, die Mephistopheles in seiner modernen Kriegsführung anwendet. Wer auf Raufebold, „das Gesicht […] zeigt, der kehrt's nicht ab / Als mit zerschlagnen Unter- und Oberbacken“ (S.187, Z.10511-10512). Kompromisslose Gewaltanwendung steht im Mittelpunkt seines Tuns. Habebald symbolisiert die Gier nach Reichtümern und den räuberischen Zugriff, Haltefest die Sicherung der Beute. Mithilfe der drei Gewaltigen plündert Mephistopheles das Land und seine Bewohner aus.

Die rasante Entwicklung der technischen Neuerungen und die ...

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