Literarischer Hintergrund

Goethe hat sich im „Faust II“ im Wesentlichen mit zwei literarischen und kulturgeschichtlichen Epochen auseinandergesetzt: Der klassischen Antike und der Romantik.

Die Romantik

Ironische Kritik am Dichtungskonzept der Romantik

Bereits im ersten Akt in der Szene „Weitläufiger Saal mit Nebengemächern“ werden beide Epochen reflektiert und einander gegenübergestellt. Dabei ist klar herauszulesen, dass Goethe in einer eindeutigen Position die Dichtung der Romantik ironisiert und damit kritisch hinterfragt.

Am kaiserlichen Hof wird der Mummenschanz aufgeführt. Im Maskenzug lässt Goethe unter anderem „Poeten, Naturdichter, Hof- und Rittersänger, […] sowie Enthusiasten“auftreten (S.23, Regieanweisung). Sie repräsentieren damit die Vertreter der romantischen Dichtungskonzepte. In der Regieanweisung ist zu lesen, dass „keiner den anderen zum Vortrag kommen“ lässt (S.23, Regieanweisung). Die Romantiker behindern sich mit ihrem Enthusiasmus selbst, sodass keiner wirklich inhaltlich etwa zu sagen hat.

Einzig ein Satiriker kommt zu Wort. Er spricht über die Minnelyrik des Mittelalters, die die Romantiker wieder aufgegriffen haben. Doch weiß der Satiriker, dass keiner seine Lieder und Dichtungen hören will. Trotzdem will er sie aber gerne vortragen.

Auch auf die vorherrschenden Themen und die Einwicklung neuer Ideen der romantischen Dichtung, wie Nacht, Fantastik, Spuk und Tod, spielt Goethe ironisch an. Er nennt diese Vertreter der romantischen Dichtung „Nacht- und Grabdichter“ (S.23, Regieanweisung), die nicht auftreten können, da „sie soeben im interessantesten Gespräch mit einem frischerstandenen Vampyren begriffen seien, woraus eine neue Dichtart sich vielleicht entwickeln könnte“ (S.23, Regieanweisung). 

Goethe könnte hiermit Bezug auf den Dichter E.T.A. Hoffmann genommen haben, in dessen Werken ein sog. Vampirismus festzustellen ist, den Goethe missbilligte. Anstelle der unfähigen Romantiker lässt der Herold des Maskenzugs die griechische Mythologie auftreten. Das Urteil Goethes ist eindeutig, wenn es in der Regieanweisung heißt, dass diese „selbst in moderner Maske, weder Charakter noch Gefälliges verliert“ (S.23, Regieanweisung). Damit sind eine erste Kritik an der Romantik und ein eindeutiges Bekenntnis zu der Dichtungstradition der Antike angedeutet.

Merkmale der Romantik anhand der Figur des Mephistopheles

Ein weiterer Bezug zur Romantik wird über Mephistopheles hergestellt. Er verkörpert die Teufelsvorstellung des Mittelalters, eine Epoche, an deren Spezifika die Romantiker anschlossen.

Im „Laboratorium“ des zweiten Aktes wird Mephistopheles seine Einschränkung durch Homunculus vor Augen gehalten. Als Teufel des Nordens kenne er nur „romantische Gespenster“ (S. 74, Z. 6946) und könne deshalb Fausts Träume, die sich in der klassischen Antike abspielen, nicht sehen. Diese romantischen Gespenster, wie sie etwa in der Walpurgisnacht des „Faust I“ auftreten, sind Hexen, Teufel und Vampire. Das echte Gespenst ist aber, so Homunculus, das klassische Gespenst.

Durch die Beurteilung des Homunculus charakterisiert Goethe die Romantik als düster und überholt. Homunculus wirft Mephistopheles vor, er wäre in einem „Wust voll Rittertum und Pfäfferei“ (S. 73, Z.6925) aufgewachsen. Er beschreibt die Epoche der Romantik mit dem Bild eines „Nebelalters“ (S. 73, Z. 6924), das den Blick für die Zeit der klassischen Antike verstelle. Während die Romantik „Verbräunt, […]bemodert [und] wiedrig“ (S.73, Z.6929) ist, glänzt die Antike im Lichte und bringt „Waldquellen, Schwäne und nackte Schöne“ (S. 736932) hervor.

Auch auf den für die Romantik typischen Baustil der Gotik wird in dieser Szene angespielt. Diese von Homunculus als „spitzbödig, schnörkelhaftest [und] niedrige“ (S.73, Z. 6929) bewertete Baukunst verkörpert gleichfalls das Bild eines überladenen, erdrückenden Stils. Dem steht das Kunstideal der klassischen Antike entgegen, das Klarheit und Schönheit hervorbringt.

Die klassische Antike

Das Kunstideal der klassischen Antike – Formvollendete Schönheit

Um zu der klassischen Form der griechischen Antike zu gelangen, müssen die Stätten der griechischen Kultur durchlaufen werden. Faust, Homunculus und Mephistopheles erleben in der klassischen Walpurgisnacht Höhepunkte der antiken Kulturgeschichte. Die griechische Mythologie liefert einen Fundus von Geschichten, die von Verwandlungen und der Entstehung des Menschseins erzählen. Es ist ein kultureller Bildungsprozess, den Faust in der klassischen Walpurgisnacht mithilfe der...

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