Historische Hintergründe

Die Zeitspanne

Die lange Zeitspanne, in der Goethe an den Teilen Faust I und II arbeitete, erstreckte sich insgesamt von 1770 - 1832, wovon die Arbeit am „Faust II“ die Zeit von 1825 - 1832 umfasste. In Goethes „Faust - der Tragödie zweiter Teil“ sind nicht nur zahlreiche geschichtliche Ereignisse verarbeitet. Dieser Teil lässt sich zudem die Darstellung und die Prophezeiung eines geschichtlichen Verlaufs von 1800 bis ins 21. Jahrhundert erkennen, der für den Gesamtaufbau des Werkes bestimmend ist.

In dieser Periode erfolgte eine Vielzahl an bedeutenden politischen und gesellschaftlichen Umbrüchen und Veränderungen, auf die Goethe in seinem Werk Bezug nimmt. Vor allem der Zerfall der feudalen spätmittelalterlichen Gesellschaft im Übergang zum Kapitalismus sowie das Zeitalter der Restauration nach der Französischen Revolution und die fortschreitende Industrialisierung repräsentieren zentrale Themen im „Faust II“. Diese Periode impliziert auch die kultur- und geistesgeschichtlichen Wandlungen, die jeder gesellschaftliche Umbruch mit sich bringt.

Erster Akt

Von der spätmittelalterlichen Feudalgesellschaft zur modernen Geldwirtschaft

Im ersten Akt begegnet der Leser Faust in der Umgebung der kaiserlichen Pfalz. Hier wird der Verfall des feudalen spätmittelalterlichen Kaiserreichs beschrieben, das sich auf der Schwelle zur Neuzeit befindet. Der Kaiser lebt noch in der von Dekadenz bestimmten Vorstellung des Ancien Régime. Obwohl sein Staat bankrott ist, stehen für ihn sein Genuss und Vergnügen an erster Stelle. Er ist ein unfähiger Kaiser, der seinen Staat nicht aus der wirtschaftlichen Not befreien kann und sich stattdessen lieber mit dem Maskenfest vergnügt.

Mephistopheles' teuflische Erfindung des Papiergeldes hilft ihm vorübergehend und deutet den Beginn des Kapitalismus an. Anstatt das Geld sinnvoll zu nutzen, verprasst es der Hofstaat für den eigenen Genuss. Doch das Geld ist nicht durch einen realen Wert gedeckt und führt letztendlich zur Inflation. Goethe spielt damit auf ein konkretes Problem seiner Zeit an: Die Ausgabe von Papiergeldern, den sog. Assignaten, während der Französischen Revolution führte im Jahr 1797 zur Inflation, genauso wie die Finanzierung der Koalitionskriege mithilfe ungedeckter Papierwährung.

Zweiter Akt

Fortschritt der Wissenschaft und Technik

Mit dem Beginn der Neuzeit erfolgte auch ein rasanter Fortschritt in der Naturwissenschaft und Technik. Im zweiten Akt wird dieser Höhepunkt des wissenschaftlichen Forschens mit der Erfindung des Homunculus dargestellt. Dabei spielt besonders die im späten 18. Jahrhundert beginnende chemische Revolution eine entschiedene Rolle.

Die experimentellen alchemistischen Versuche Wagners und seine Erschaffung eines künstlichen Menschen weisen aber über die der Zeit Goethes weit hinaus. Hier reicht Goethes Prophezeiung weit ins 21. Jahrhundert hinein, wenn er mit Homunculus einen genetisch künstlich erzeugten Retortenmenschen erschafft.

Im Gegensatz dazu steht der Ort, an dem das Geschehen angesiedelt ist. Es ist das mittelalterliche Studierzimmer, in dem einst Faust forschte. Der Umbruch zu der Neuzeit wird mit Homunkulus vorangetrieben. Er erkennt, dass sich der Mensch der Neuzeit auf die Kultur der klassischen Antike rückbesinnen muss.

Wiederbelebung der klassischen Antike

Fausts Suche nach Helena, die im zweiten Akt beginnt und in der klassischen Walpurgisnacht ihren Höhepunkt findet, beschreibt die im 19. Jahrhundert beginnende kulturgeschichtliche Rückbesinnung auf die klassische Antike und deren Wiederbelebung. In sämtlichen kulturellen Bereichen erscheint die Klassik der Antike als ein Ideal eines allumfassenden ästhetischen Konzepts, aber auch im politischen Bereich.

Dafür trat besonders der sogenannte Philhellenismus (1815-27) ein. Dessen Vertreter fochten freiwillig mit im Freiheitskampf der Griechen gegen die türkische Vorherrschaft, mit dem Ziel, die Griechen wieder zu ihrem ursprünglichen Staatswesen, der attischen Demokratie, zurückzuverfolgen. Ein intellektueller Vertreter unter ihnen war der Dichter der Romantik George Gordon Noel Lord Bryon, der die Griechen in ihrem Unabhängigkeitskampf unterstützen wollte, zuvor jedoch verstarb. Goethe verehrte diesen Dichter sehr. Der Figur des Euphorion trägt charakteristische Merkmale des Lord Byron.

Rückbezug auf die griechische Mythologie und historische Geschichte

Im zweiten Akt erfolgt im Geiste des Klassizismus eine Rückbesinnung auf die Antike. Goethe lässt zahlreiche Gestalten aus der griechischen Antike und der griechischen Mythologie auftreten. So bekommt Homunculus Rat von den griechischen Philosophen Thales und Anaxagoras und trifft auf den weisen Greis Nereus und den Meeresgott Proteus, der ihn in das Meer geleitet, in dem er sich mit Nereus' Tochter Galatee vereint. Während seiner Fahrt durch das Meer trifft er auf weitere Meeresfabelwesen, genauso wie Mephistopheles auf seiner Reise durch die klassische Walpurgisnacht auf Hexen, Sphinxe, Sirenen, die Phorkyaden und weitere Mischwesen der griechischen Mythologie trifft.

Die klassische Walpurgisnacht, die den zweiten Akt bestimmt und in den dritten hineinführt, kann als Darstellung der Menschheitsgeschichte gelesen werden, indem Goethe verschiedene Mythen der griechischen Antike aufgreift. Vor allem mit der Geschichte des Homunculus, der nach einer Möglichkeit sucht, ein vollkommener Mensch zu werden, wird dies erreicht. Während seiner Meerfahrt auf dem Rücken des Proteus erlebt er die Menschwerdung von Beginn an.

Die klassische Walpurgisnacht findet ihren Anfang auf dem Schlachtfeld von Pharsalos. Die thessalische Hexe Erichtho eröffnet die Szene, indem sie an Cäsars Sieg über Pompejus in Thessalien, an die sog. Schlacht von Pharsalos im Jahr 48, v. Chr., erinnert. Sie führt den Leser ebenfalls in die Welt der Antike ein und verweist auf die hellenische Legion, die sich noch in der gleichen Nacht versammeln soll.

Erdbeben als Metapher für die Revolution

Mythische Fabelvölker, wie die Pygmäer, Imsen und Daktylen, repräsentieren während des Erdbebens die sozialen Schichten der Bevölkerung: Die Pygmäen verkörpern die Bourgeoisie, die das einfache Volk der Imsen und Daktylen ausbeuten. Das Erdbeben legt Gold frei, welches sich die Greife mithilfe der Ameisen zu sichern versuchen.

Im Zuge der geistigen und pol...

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