Protagonist

Wie neugeboren

Goethe lässt seinen Protagonisten zu Beginn der Tragödie in einen tiefen Heilschlaf fallen. So kann er seine Schuld, die er im ersten Teil der Tragödie auf sich geladen hat, vergessen und wie ein Neugeborener die Welt erfahren. Vergessen ist aber nicht sein Streben nach dem „höchsten Dasein“ (S. 5, Z. 4685), das er wieder in sich erwachen fühlt.

Damit ist Faust bereit, neue Erfahrungen zu sammeln, und ist dennoch von seinen bereits gemachten Erlebnissen befreit. Doch erkennt Faust, dass der Mensch immer nur einen Schein des Göttlich-Höchsten wahrnehmen kann. Der Aspekt des Abglanzes und der Scheinhaftigkeit ist für die Faustfigur von entscheidender Bedeutung. Sein Bestreben bleibt damit im zweiten Teil der Tragödie immer auf das Diesseitige gerichtet, da das Bemühen, dem Göttlichen näherzukommen, vergeblich ist. 

Faust ist kein individueller Charakter, der eine Entwicklung vollzieht. Stets ist er Repräsentant für eine Idee und nimmt dabei verschiedene Rollen ein. In den fünf Akten der Tragödie verfolgt Faust sein Streben, aber nicht, ohne dabei zu irren. Dabei spielen im Wesentlichen drei Aspekte eine Rolle, die sein Handeln lenken: 1. Die im ersten Akt ausgesprochene Suche nach Erfüllung, 2. Die Suche nach Helena bzw. nach der Schönheit 3. Die Umsetzung seines Tatendrangs im weltlichen Geschehen.

Faust in der kaiserlichen Welt des Scheins

Die Welt, in die er hineingeworfen wird, ist nicht mehr die vergeistigte Welt seines Studierzimmers. Seine Reise beginnt in der kaiserlichen Pfalz, in der er am Hofe des Kaisers alsbald auf seinen schon bekannten Begleiter Mephistopheles trifft. Hier wird er schon bald mit weltlichen Dingen konfrontiert, wie der wirtschaftlichen Not des kaiserlichen Staates. Faust hat Anteil an der wirtschaftlichen Neuorientierung des Staates.

Auch das Thema der Macht und des Reichtums ist mit dem Aspekt des Scheins verknüpft.

In dem Mummenschanz am Hofe tritt Faust in der Maske des Plutus, des Gottes des Reichtums, auf. Sein Wagen wird von dem Knaben Lenker geführt, der, später in der Figur des Euphorion gespiegelt, eine Allegorie der Poesie darstellt. Der Knabe Lenker wirft scheinbare Schätze unter das Volk, die sich aber in Seifenblasen verwandeln und in Luft auflösen. Auch die Goldkiste, die Plutus ( Faust) auf seinem Wagen präsentiert, ist nicht echt.

Während des Maskenzugs kommt der nach Geld gierende Kaiser der Goldkiste des Plutus so nahe, dass sein Bart Feuer fängt und er demaskiert wird. Plutus kann ihn mithilfe magischer Kräfte aus der Misere retten.

Faust als Künstler – Die Suche nach der Schönheit

Bereits im „Faust I“ wurde Fausts Sehnsucht nach Helena, dem Urbild der Schönheit, geweckt. Als der Kaiser sich wünscht, Helena und Paris vor sich zu sehen, wird Faust der Auftrag erteilt, sie aus dem Reich der Mütter zu holen. In diesem Urreich kann er Helena und Paris' wiederbeleben. Wie Faust dies bewerkstelligt, wird nicht dargestellt. Dennoch deutet sich hier bereits an, dass es ein kreativer, schöpferischer Akt sein muss, bei dem Faust eine entscheidende R...

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