Szenenanalyse „Schattiger Hain“

Die idyllische Welt

Deutlich wird, dass es Goethe nicht um die Darstellung eines linearen oder historischen Handlungsablaufs geht. Was verdeutlicht werden soll, ist die Herausbildung eines kulturellen und künstlerischen Rezeptionsprozesses. Das Kunstideal der klassischen Antike, das Helena verkörpert, wird in der europäischen Epoche der Renaissance wieder aufgenommen. Faust als mittelalterlicher Burgherr repräsentiert diese Epoche und seine Verbindung mit Helena verkörpert die gelungene Einheit, die in der Klassik zum Ausdruck kommt. Arkadien repräsentiert diese stilisierte ideale Kunstwelt. Es zeigt die Herausbildung einer neuen ästhetischen Kultur. Doch bringt die Klassik auch die Romantik hervor, die in Euphorion personifiziert wird und die die neu gewonnene Kultur wieder zerstört.

Die dritte und letzte Szene des dritten Aktes „Schattiger Hain“ bestätigt diesen Prozess. Der drastische Wechsel des Ortes von der mittelalterlichen Burg in der vorherigen Szene „Innerer Burghof“ präsentiert nun einen Ort, der von der Außenwelt geschützt, nahezu abgeschlossen ist: „Der Schauplatz verwandelt sich durchaus. An einer Reihe von Felsenhöhen lehnen sich geschloßne Lauben. Schattiger Hain bis an die rings umgebende Felsensteile hinan. Faust und Helena werden nicht gesehen. Der Chor liegt schlafend verteilt umher.“ (S. 155, Regieanweisung).

Arkadien erscheint als eine idyllische Welt, die ganz auf das Zusammenleben von Faust und Helena konzentriert ist und ihnen „Schutz und Schirmung“ (S.155, Z.9587) verleiht.

Erster Abschnitt: Phorkyas Ankündigung der Figur Euphorion

1. Euphorions Übermut und Begabung

Nicht nur der Ort hat sich verändert, sondern auch die Zeit. Der schlafende Chor verweist darauf, dass eine lange Zeit seit der vorherigen Szene vergangen sein muss. Phorkyas (Mephistopheles) bringt diese Zeitlichkeit zur Sprache: „Wie lange Zeit die Mädchen schlafen, weiß ich nicht; / Ob sie sich träumen ließen, was ich hell und klar / Vor Augen sah, ist ebenfalls mir unbekannt./ Drum weck' ich sie. Erstaunen soll das junge Volk“ (S.155, Z.9574-9577).

Das, worauf Phorkyas anspielt, ist die Geburt des gemeinsamen Sohnes Euphorion, die er zunächst dem Chor mitteilt. In den noch „unerforscht[n] Tiefen“ (S.156, Z.9596) der arkadischen Welt konnte Phorkyas das Treiben des jungen Euphorions beobachten : „Schau' ich hin, da springt ein Knabe von der Frauen / Schoß zum Manne, / Von dem Vater zu der Mutter; das Gekose, das Getändel, / Törige Liebe Neckereien, Scherzgeschrei und Lustgejauchze“ (S.156, Z.9599-9601).

Euphorion wird nicht nur als äußerst lebendig beschrieben, sondern auch auch als begabt und voller Übermut. Er sei „ein Genius ohne Flügel“ (S,156, Z.9603), der sich flink und „faunartig ohne Tierheit“ (S.156, Z.9603) bewegt. Er ist von dem Drang getrieben, immer höher hinaus zu wollen. Helena und Faust sind besorgt. Zwar dürfe er springen, doch soll er die Bodenhaftung nicht verlieren und nicht sich dem freien Flug hingeben. Die warnenden Ermahnungen von Helena und Faust ignoriert er aber, sodass er sich in ständiger Gefahr befindet: „Und so hüpft er auf die Masse dieses Felsens, von der Kante / Zu dem andern und umher, so wie ein Ball geschlagen springt. / Doch auf einmal in der Spalte rauher Schlucht ist er verschwunden“ (S.127, Z.9612-9613).

2. Euphorion als Meister der Musik

Euphorion zeichnet sich auch durch eine übermäßige Begabung aus: Er kann auf der Leier „ewige[..] Melodien“ (S.157, Z.9626) spielen. Er wird von Phorkyas als „Künftige[r] Meister alles Schönen“ (S.157, Z.9626) angepriesen, dem die Bewunderung von außen sicher ist, da seine Musik „Durch die Glieder sich bewegen“ (S.157, Z.9627) wird. Damit wird er in den Rang des mythologischen Dichtergottes Orpheus gehoben, dessen Attribut ebenfalls die Leier ist, mit der er das Schöne hervorzubringen vermag.

Phorkyas liefert damit eine Charakterisierung Euphorions, noch bevor dieser in der Szene auftritt. Gleichzeitig deutet Phorkyas Beschreibung schon auf das nahende Unheil hin. Die zum Ideal stilisierte Kunstlandschaft Arkadiens bietet dem überlebendigen Euphorion, der voller Tatendrang ist, einen zu engen Raum.

Nach diesem ersten Abschnitt der Szene er...

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