Szenenanalyse Klassische Walpurgisnacht

Die klassische Walpurgisnacht erstreckt sich über insgesamt fünf Szenen und bestimmt mit Ausnahme der ersten beiden Szenen „Hochgewölbtes enges gotisches Zimmer“ und „Laboratorium“ den gesamten zweiten Akt.

Ein Ort und drei parallele Handlungsstränge

Die fünf Szenen sind durch einen bestimmten Ort der Handlung gekennzeichnet, der mit der Szene „Pharsalische Felder“ eröffnet und festgelegt wird. In Griechenland landen Faust, Mephistopheles und Homunculus, nachdem sie sich zuvor im Laboratorium Wagners zusammengefunden haben. Nachfolgend ist je eine Szene jeweils jeder einzelnen Figur und ihrem individuellen Weg durch die klassische Walpurgisnacht gewidmet. Damit ergeben sich drei Handlungsstränge, bei denen sich die Wege der drei Protagonisten der Walpurgisnacht stellenweise kreuzen.

  1. Faust begibt sich auf die Suche nach Helena bzw. nach der Schönheit.
  2. Mephistopheles sucht seinen Platz in der klassischen Walpurgisnacht und findet ihn, indem er sich in Phorkyas, das Urbild der Hässlichkeit, verwandelt.
  3. Homunculus sucht nach seiner persönlichen Vervollkommnung. Er ist ein künstlich entstandenes Wesen, das nun auf natürlichem Wege vollkommen werden will.

Die Handlungen laufen parallel zueinander und spielen sich gleichzeitig ab. Diese Simultaneität soll das vielfältige und durcheinander laufende Geschehen der Walpurgisnacht widerspiegeln. Dennoch sind die Szenen durch einen inneren Zusammenhalt miteinander verbunden, der maßgeblich durch den Ort bestimmt wird. Alle Szenen spielen sich an dem Fluss Peneios ab, wobei der genaue Standpunkt von Szene zu Szene variiert. Damit ist der Fluss die Konstante, der aber zugleich Bewegung verkörpert.

Die Zeit der historischen und mythologischen Antike

Die Zeit der klassischen Walpurgisnacht lässt sich in zwei Bereiche aufteilen: Dargestellt wird die Zeit der griechischen Mythologie, ebenso wie die historische Zeit um 50 v. Chr. Der Ort der Handlung verweist auf diese bestimmte Epoche. Auf den pharsalischen Feldern ereigneten sich im Jahr 48 v. Chr. Caesars Sieg über Pompejus und weitere wichtige Schlachten der Geschichte.

Die thessalische Hexe Erichtho erinnert gleich in der ersten Szene „Pharsalische Felder“ daran, indem sie auf die Wiederholung dieses historischen Ereignisses verweist. Die Hexe Erichtho lässt auch an die mythologische Antike denken. Sie sieht voraus, dass sich die hellenische Legion versammeln wird. Damit leitet die Hexe die klassische Walpurgisnacht ein und setzt zugleich den Rahmen für die Handlung.

In der klassischen Walpurgisnacht treten zahlreiche mythologische Gestalten auf, sodass die Figuren des Dramas Teil dieser Welt werden. Die Handlung wird mit dem Bereich der Mythologie verwoben. Gleichzeitig erhält die Handlung immer wieder einen Bezug zu der historischen Zeit Griechenlands, indem Personen der historischen Antike, wie die Philosophen Thales und Anaxagoras, auftreten und zudem an geschichtliche Ereignisse erinnert wird.

Verwandlungen vom Niedrigsten zum Höchsten

In der Gesamtstruktur der klassischen Walpurgisnacht lässt sich Folgendes erkennen: Die Szenen zeigen eine Entwicklung, die vom Niedrigsten zum Höchsten führt. Angefangen mit den hässlichen Mischwesen, denen Mephistopheles begegnet, erstreckt sich der Weg über die vielfachen Verwandlungen, wie sie Homunculus bei dem Fest der Meeresfabelwesen erfährt, bis hin zu der Vermählung der Homunculus mit Galatee. Sie ist der Inbegriff der natürlichen Schönheit.

Die Menschwerdung des Homunculus liegt in seiner Verbindung mit Galatee als Gestalt des rein naturhaften Schönen begründet.

Eine weitere Stufe, die zum Höchsten führt, erfolgt direkt im Anschluss im dritten Akt. Hier hat Helena zum ersten Mal ihren Auftritt. Nachdem Galatee die Gestaltwerdung der natürlichen Schönheit präsentiert hat, wird mit Helena das Urbild der natürlichen und kulturellen Schönheit verkörpert.

Insofern bereitet die klassische Walpurgisnacht den Weg hin zum dritten Akt, der Faust und Helena in Arkadien, der Idealwelt des Kulturell-Schönen, zusammenführt. Die klassische Walpurgisnacht zeichnet diesen Prozess der Verwandlung nach, und zwar von den niedrigsten, natürlichsten Wesen der mythologischen Geschichten bis zur vollkommensten ästhetischen Gestalt Helenas.

Die klassische Walpurgisnacht steht unter dem Aspekt der Verwandlung, der auf verschiedenen Ebenen durchgespielt und entfaltet wird.

Die Verwandlung des Mephistopheles in die Gestalt der Phorkyas

(Szenen: „Am oberen Peneios“, „Am oberen Peneios wie zuvor“)

Die Szene „Am oberen Peneios“ ist zunächst dem Weg des Mephistopheles gewidmet. Er begegnet zahlreichen Mischwesen der griechischen Mythologie: Mensch-Tiergestalten, wie Sirenen und Greifen. Faust kommt hinzu, der ein ganz bestimmtes Ziel verfolgt: Er sucht Helena. Als er die Sphinx nach Helena fragt, gibt diese ihm zu verstehen, dass Helena in solchen Bereichen zu suchen ist, in die die niederen Wesen der griechischen Mythologie nicht hineingelangen: „Wir reichen nicht hinauf zu ihren Tagen, / Die letztesten hat Herkules erschlagen.“ (S.82, Z.7197-7198). Mephistopheles wird von den mythologischen Wesen nicht anerkannt. Während er den Lamien, den „lustfeine[n] Direnen“ (S.83, Z.7235) nachstellt, wechselt die nächste Szene zu Faust ...

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