Gestaltungsmittel und Gesamtaufbau

Motivische und strukturelle Verbindung des ersten und des zweiten Teils

Nicht nur motivisch, auch hinsichtlich des Gesamtaufbaus ist Goethes Faust - der Tragödie zweiter Teil mit dem ersten Teil in Verbindung zu sehen.

Der „Prolog im Himmel“ aus „Faust I“ bildet mit der abgeschlossenen Wette zwischen Faust und Mephistopheles motivisch die Grundlage für das weitere Geschehen. Insofern ist der Prolog als eine Rahmenhandlung zu verstehen, die auch noch für den zweiten Teil gilt. „Faust II“ endet nicht mit dem Tod Fausts. In den letzten beiden Szenen „Bergschluchten“ wird die Handlung im Jenseits fortgesetzt. Hier gelangt Fausts Seele bis zur Mater Gloriosa, die ihm bewilligt, seine Schuld zu abzugelten. Auch Gretchen tritt hier auf, die sich als Büßerin für Fausts Läuterung einsetzt. Mit dieser letzten Szene wird damit ein Bogen zu dem „Prolog im Himmel“ des ersten Teils geschlagen. Es ist auch hier, wie schon im „Faust I“, die himmlische Rahmenhandlung, die die Binnenhandlung umschließt. Auch das Thema der Wette um Faust Seele zwischen dem Herrn und Mephistopheles wird in der Szene „Grablegung“ verhandelt.

Mysterienspiel und Maskenspiel

Diese letzte Szene des „Faust II“ und der „Prolog im Himmel“ werden auch als Mysterienspiele bezeichnet. Das Mysterienspiel ist durch die Besonderheit gekennzeichnet, dass die Geschichte des tragischen Helden noch nach seinem Tod auf einer rein geistigen Ebene weiter verhandelt wird.

Eine weitere ausgeprägte Form ist das Maskenspiel, das in „Faust II“ vor allem in der Szene des „Mummenschanzes“ ausgestaltet ist. Der Maskenumzug greift das Thema der Scheinheftigkeit auf, da sich hinter jeder Maske jemand anderes verbirgt, der vorgibt, etwas zu sein. Goethe hat diesen Mummenschanz als eine Allegorie gestaltet: Jeder der Maskenträger ist in ein Sinnbild übertragen, das bestimmte Denkweisen präsentiert. Faust verkörpert in der Maskerade des Plutus den Reichtum, während Mephistopheles den Geiz repräsentiert. Der ganze Umzug erscheint bunt und vielfältig, aber gleichzeitig durcheinander und undurchsichtig.

Kontrastierende Spiegelungen

Ein wichtiges gestalterisches Mittel in „Faust II „ist das der Spiegelungen. Diese lassen sich anhand der Personenkonstellationen erkennen. So tritt beispielsweise während des Mummenschanzes der Knabe Lenker mit Faust in der Maske des Plutus auf. Der Knabe Lenker ist ebenso ein Sinnbild der Poesie wie später Euphorion - der Sohn des Faust. Auch werkübergreifend wird mithilfe dieser Technik eine Verbindung geschaffen. Im ersten Teil erscheint Margarete als Sünderin, die bei der Mater Dolorosa um Vergebung ihrer Schuld bittet. In „Faust II“ ist sie die Büßerin, die Faust von seinen Sünden befreien will und dafür die Mater Gloriosa um Erlaubnis fragt.

Offensichtlich ist auch die Parallele zwischen Margarete und Helena. Beide sind für Faust der Inbegriff der Schönheit und des Verlangens. Im „Faust I“ entschwindet Helenas Bild, das er in der Hexenküche erblickt. Stattdessen trifft er auf Margarete, in die er das Urbild der schönsten Frau wiederentdeckt. Als Helena in „Faust II“ ihrem Sohn Euphorion im dritten Akt in den Hades folgt, erinnert sich Faust an Margarete.

Die künstlerische Technik der Spiegelungen zeigt sich auch in der Konstellation von Faust und den anderen Figuren. So wie die Figur des Mephistopheles eine Seite von Fausts Wesen präsentiert, werden beispielsweise auch anhand der Figuren Philemon, Baucis und des Wanderers Fausts Handlungsweisen gespiegelt.

Formale Fünfaktigkeit - Stationendrama

In seinem formalen Aufbau entspricht „Faust - der Tragödie zweiter Teil“ der Dramenpoetik des Aristoteles und des klassischen deutschen Dramas: In fünf Akten entwirft Goethe die Geschichte seines Protagonisten. Doch die strenge fünfaktige Gliederung bildet nur das äußere Gerüst.

Goethe entwirft eine lockere und spielerische Abfolge von Stationen, die im Stück den inneren Zusammenhang darstellen. Dabei wechselt er virtuos die Zeiten und Orte, sodass jeder einzelne Akt für sich allein bestehen kann. Die dargestellte Zeitspanne reicht dabei von den mythischen Ursprüngen der Geschichte bis zu der Zeit des ausgehenden Mittelalters. Die einzelnen dargestellten Zeiträume sind oft als Projektionsflächen eines inneren Erlebens von Faust zu lesen. Seine Vereinigung mit Helena ist eher der Form eines Traums zuzuordnen als einer real e...

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