Wahnsinn

Der Wahnsinn als Motiv

Richtet man als Lesender eine rationale Perspektive auf E.T.A. Hoffmanns »Sandmann«, so kristallisiert sich heraus, dass der Protagonist Nathanael durch zahlreiche Merkmale einer psychischen Erkrankung gekennzeichnet ist. Nicht grundlos liegen zahlreiche psychoanalytische Deutungen zu der Erzählung vor, unter ihnen Abhandlungen des Wiener Psychologen und Arztes Sigmund Freud (1886-1939), des deutschen Psychiaters Ernst Jentsch (1867-1919) sowie des österreichischen Psychoanalytikers Otto Rank (1884-1939) (vgl. Kapitel „Epoche“, Abschnitt „Psychoanalytische Rezeption“). Diese drei Analytiker haben den Wahnsinn als ein wesentliches Deutungsmotiv der Erzählung entdeckt und analysieren Nathanaels Geschichte im Sinne einer psychopathologischen Fallstudie.

Der Autor E.T.A. Hoffmann hat sich im Laufe seines Lebens immer wieder mit der Seelenkunde beschäftigt und einen regen Austausch mit Experten gepflegt (vgl. Kapitel „Epoche“, Abschnitt „Quellen und literarische Einflüsse – Naturphilosophie und Psychologie“). In vielen Werken stellt der Schriftsteller die Wahrnehmung des Protagonisten infrage. Ob es sich dabei um Wahnsinn oder doch um eine besondere Form der tieferen Erkenntnis handelt, macht Hoffmann von der Perspektive abhängig.

Der Begriff Wahnsinn findet im »Sandmann« nur einige wenige Male explizite Verwendung und wird auch im Zusammenhang mit der Bezeichnung toll angewandt. In seinem ersten Brief stellt Nathanael zunächst einen Zusammenhang zwischen Wahnsinn und Lachen her: „[…] aber nur es [das Entsetzliche] denkend, lacht es wie toll aus mir heraus.“ (S. 3) – „als flehe ich euch an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung“ (S. 4). Das Gedicht des Protagonisten bezeichnet Clara als „das tolle – unsinnige – wahnsinnige Märchen“ (S. 25). Nach Olimpias Enttarnung packt Nathanael „der Wahnsinn mit glühenden Krallen und fuhr in sein Inneres hinein Sinn und Gedanken zerreißend.“ (S. 38). Anschließend wird Nathanael „nach dem Tollhause gebracht“ (ebd.) und nach seiner Genesung ist „[j]ede Spur des Wahnsinns […] verschwunden“ (S. 40). Interessant ist nicht zuletzt die Gegenüberstellung von Nathanael und Lothar: „Ein fantastischer, wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen erwidert.“ (S. 25).

Darüber hinaus wird der Wahnsinn ...

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