Doppelgänger

Entwicklungsgeschichte des Motivs

Das Motiv des Doppelgängers ist durch eine lange kulturhistorische Tradition gekennzeichnet. Die Bildung des Menschen nach dem Ebenbild Gottes etwa ist ein Bestandteil christlicher Schöpfungsmythen. Im Glauben der Naturvölker wird die Seele als zweites Ich betrachtet, deren Loslösung vom Körper den Tod bedeutet. In vielen Kulturen bewerten die Menschen ihr zweites Ich als Schatten, der in einem mit Dunkelheit, Nacht und Tod assoziierten Schattenreich lebt. Die alten Griechen hingegen glaubten, dass jeder Mensch die Erde mit einem Doppelgänger betritt, der ihn ein Leben lang begleitet und beschützt.

Grundsätzlich kann das Motiv in zwei Varianten auftreten: (1) als Objekt-Duplizierung, d.h. eine in mehrfacher Gestalt auftretende Person, oder (2) als Subjekt-Duplizierung, d.h. eine Abspaltung der eigenen Identität. In der Literatur tritt der Doppelgänger zunächst als dupliziertes Objekt in Erscheinung und wird zum beliebten Motiv von Verwechslungskomödien, wie z.B. Plautus‘ »Menaechmi« (200 v. Chr.). Erst die Romantiker entdeckten die Faszination des innerpsychischen Doppelgängers und setzten sich zudem mit der magischen, mystischen und unerklärlichen Seite des Zwillingsphänomens auseinander. Nicht zuletzt wird der Doppelgänger als Folge einer Wahrnehmungsstörung thematisiert.

Das Motiv findet sich in zahlreichen Werken der Romantik wieder, wie in Jean Pauls »Siebenkäs« (1796/97) und »Dr. Katzenbergers Badereise« (1807/08), Tiecks »Der Blonde Eckbert« (1797), Kleists »Amphytrion« (1807) oder Novalis‘ »Die Lehrlinge zu Sais« (1802). E.T.A. Hoffmann beschäftigte sich wie kaum ein anderer Autor mit dem Doppelgänger und ließ ihn in mannigfaltiger Erscheinungsform in seinen Werken auftreten. Neben dem »Sandmann« (1816) sind Beispiele, wie »Die Brautwahl« (1820), »Die Elixiere des Teufels« (1815/16), »Das Fräulein Scuderi« (1819/21) und »Die Doppeltgänger« (1821), zu nennen.

Psychologische Deutung

Anfang des 20. Jahrhunderts verfasst der österreichische Psychiater Otto Rank (1884-1939) eine psychoanalytische Studie zum Doppelgänger, in welcher er sich u.a. auf die Werke Hoffmanns bezieht. Rank klassifiziert den Doppelgänger als eine Schöpfung des Unbewussten, die der Abwehr des eigenen Todes gilt. Die Selbstverdoppelung ist gewissermaßen eine Absicherung gegen die Vergänglichkeit, ähnlich der unsterblichen Seele als Duplikat des Leibes. 

Anderen psychologischen Deutungen zufolge vereinen sich in dem vom eigenen Ich abgespaltenen Doppelgänger diejenigen Persönlichkeitsanteile, die verdrängt und verleugnet werden. Dabei handelt es sich zumeist (jedoch nicht zwingend) um negative Eigenschaften, die sozial unerwünscht und moralisch verwerflich sind. Auch Ängste und Bedrohungen können sich im zweiten Ich manifestieren. Der Schweizer Psychiater C.G. Jung (1875-1961) beschreibt das Phänomen mit dem Begriff des Schattens, den er aus der Mythologie entl...

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