Quellen und literarische Einflüsse

Naturphilosophie und Psychologie

Hoffmanns Kenntnisse aus naturphilosophischen, wissenschaftlichen und medizinischen Schriften flossen in größerem Umfang in die Erzählung ein. Dazu gehörten u.a. Gotthilf Heinrich Schuberts (1780-1860) »Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaft« (1808) und »Die Symbolik des Traumes« (1814). Der sächsische Arzt und Naturphilosoph vertrat die typisch romantische Auffassung, dass sich Mensch und Natur voneinander entfernt hätten und sich wiedervereinen müssten. Zur Überwindung dieser Zerrissenheit dienten seelische Ausnahmezustände, wie Traum, Visionen, Rausch, Ekstase und sogar Wahnsinn.

Schuberts Thesen zur menschlichen Psyche und ihrem Unterbewusstsein sind eher spekulativ und naturphilosophisch begründet. Dennoch gilt der Naturphilosoph mit seiner antirationalistischen Haltung als Vorreiter der Tiefenpsychologie.

Bereits während seiner Zeit in Bamberg (1808-1813) beschäftigte sich Hoffmann intensiv mit wissenschaftlicher Literatur zu seelischen Krankheiten. Er studierte insbesondere die Werke des französischen Psychiaters Philippe Pinel sowie des deutschen Mediziners Johann Christian Reil, die als Inspirationsquellen für die Ausarbeitung von Nathanaels Wahnvorstellungen gelten können. Im Zeitalter der Aufklärung veränderte sich der Umgang mit psychischen Erkrankungen. Nun wurde versucht, die Patienten nicht mehr einfach wegzusperren, sondern nach den Ursachen, Symptomen und Behandlungsmethoden zu suchen. Psychische Störungen wurden als Krankheit anerkannt.

Die Mediziner der Romantik orientierten sich am Ganzheitsdenken der Naturphilosophie. Ihre Heilmethoden und Reintegrationsversuche in die Gesellschaft stießen dabei nicht selten an die Grenzen pragmatischer sozialer Anforderungen. Zum Ideal der romantischen Dichter gehörte sogar die Aufhebung der Unterscheidung zwischen psychischer Krankheit und geistiger Gesundheit.

Nicht zuletzt durch Schuberts Thesen (siehe dazu „Der goldne Topf“ / Epoche / Naturphilosophie) zur Vereinigung mit der Natur durch seelische Ausnahmezustände (s.o.) werden die psychischen Erkrankungen allgemein aufgewertet. Für die Romantiker bilden irrationale Bewusstseinszustände die Antithese zum vernunft- und verstandesorientierten Ideal der Aufklärung.

Melancholie und Wahnsinn gelten nicht nur als typische Künstlerkrankheiten, sondern nahezu als notwendige Unterstützung des poetischen Schaffensprozesses und nicht zuletzt als Thema in der romantischen Literatur selbst. Im »Sandmann« beschäftigt sich Hoffmann mit den außergewöhnlichen Bewusstseinserfahrungen seines Protagonisten Nathanael und ihrer Konfrontation mit der rea...

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