Merkmale des Kunstmärchens im Werk

Einführung Kunstmärchen

Die Gattung des Kunstmärchens geht bis auf die Zeit der Antike zurück und wurde von vielen Autoren der Romantik wieder aufgegriffen. Zu den Bekanntesten gehören neben E.T.A. Hoffmann Adelbert von Chamisso, Clemens Brentano, Novalis und Ludwig Tieck. Dass diese Schriftsteller mit ihren Kunstmärchen literarische Neuschöpfungen verfassten und als namentlich bekannte Autoren auftreten, ist bereits ein wesentliches Charakteristikum dieser Gattung. Damit grenzt sich das Kunstmärchen vom anonym überlieferten Volksmärchen ab (siehe auch dazu Textsorten „Märchen“).

Zwar übernimmt das Kunstmärchen viele Elemente des Volksmärchens, verfolgt jedoch anspruchsvollere literarische Ambitionen. Allem voran ist die Sprache des Kunstmärchens gehaltvoller und von höherem literarischem Niveau. Auch der Aufbau ist zumeist mehrdimensional und komplex gestaltet, indem beispielsweise mehrere Handlungsstränge miteinander verknüpft werden oder die chronologische Erzählweise durchbrochen wird.

Nicht zuletzt sind die Figuren vielschichtiger als die Stereotype des Volksmärchens. Ihre Handlungen sind psychologisch motiviert und sie durchlaufen eine charakterliche Entwicklung. Insgesamt ist die Innenwelt bzw. Subjektivität der Figuren von großem Interesse. Typisch für die Gattung ist der innere Zwiespalt der Hauptfigur.

Kunstmärchen gehen über ein profanes Schwarz-Weiß-Schema hinaus und stellen nicht zwangsläufig Gut und Böse einander gegenüber. Entsprechend fehlen auch die einseitige Moral sowie das klassische Happy End. Ohne Botschaft sind diese Texte dennoch nicht, vielmehr verarbeiten sie die gesellschaftlichen oder politischen Phänomene ihrer Zeit und schrecken dabei auch vor den Mitteln der Satire und Ironie nicht zurück.

Das Kunstmärchen der Romantik

Die Gattung des Kunstmärchens erlebte in der Epoche der Romantik ihren Höhepunkt und geht auf die Wiederentdeckung klassischer Volksmärchen zurück. Zwischen 1812 und 1815 veröffentlichten die Gebrüder Grimm ihre gesammelten »Kinder- und Hausmärchen«. Ihr Erfolg verdeutlicht das ausgeprägte Interesse der Goethezeit an deutsch-nationaler Volkskunst und -tradition (in Ermangelung der deutschen politischen Einheit) sowie die Faszination der Romantiker am Übersinnlichen und Unerklärbaren. Damit setzte man sich von der literarischen Tradition nach Aristoteles ab, der die Wirklichkeit als eine Vorbedingung zum Verfassen von Literatur postulierte.

Die Kunstmärchen der Frühromantik sind entweder symbolisch-allegorisierend (Novalis) oder psychologisierend (Ludwig Tieck) ausgerichtet. Sie inszenieren eine wunderbare Wahrheit hinter den Erscheinungen der objektiv wahrnehmbaren Welt und suchen nach den Übergängen vom Realen zum Irrealen. Das Kunstmärchen wird dabei oft auch als Mittel erzählerischer Gesellschaftskritik und einer aufklärungskritischen Debatte verwendet. Hoffmanns »Der goldene Topf« (1814) ist ein Hauptvertreter dieser Gattung.

Die Verknüpfung von Volksmärchen und Kunstmärchen

Die reflektierte und selbstironische Auseinandersetzung mit dem traditionellen Volksmärchen ist typisch für die Gattung des Kunstmärchens. In dem Kunstmärchen »Sandmann« finden sich einzelne Charakteristika und Anspielungen auf das klassische Märchen, die zugleich auch diskutiert und kritisiert werden.

Als Hoffmanns Erzähler über seine anfänglichen Schwierigkeiten berichtet, die Geschichte von Nathanael zu beginnen, verwirft er den typischen Märchenanfang: „‘Es war einmal‘ – der schönste Anfang jeder Erzählung, zu nüchtern!“ (S. 19). Innerhalb des Textes spielen märchenartige Erzählungen aber eine große Rolle, vor allem für Nathanael, der, auf ihnen aufbauend, die Wirklichkeit mit einer ‚M...

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