Zweite Vigilie

1. Abschnitt: Anselmus umklammert den Holunderbaum

Die zweite Vigilie lässt sich in vier Teile untergliedern, die sich auch im Titel widerspiegeln: „Wie der Student Anselmus für betrunken und wahnwitzig gehalten wurde. – Die Fahrt über die Elbe. – Die Bravour-Arie des Kapellmeisters Graun. – Conradis Magenlikör und das bronzierte Äpfelweib.“ (S. 12).

Der abrupte Einstieg

Der erste Teil der zweiten Vigilie erstreckt sich von Seite 12, Zeile 6 bis Seite 13, Zeile 34. Der Leser ist noch ganz vom Schluss der ersten Vigilie, vom Eindruck der übernatürlichen Vision des Anselmus, eingenommen. Diesen Umstand nutzt Hoffmann, indem er die zweite Vigilie mit einem geschickten Bruch beginnt. Dieser besteht in dem radikalen Perspektivwechsel auf die Situation unter dem Holunderbaum: „»Der Herr ist wohl nicht recht bei Troste!«, sagte eine ehrbare Bürgersfrau, die vom Spaziergange mit der Familie heimkehrend, stillstand, und mit übereinandergeschlagenen Armen dem tollen Treiben des Studenten Anselmus zusah.“ (S. 12).

Urplötzlich ist die Vision des Protagonisten kein magisches Ereignis mehr, sondern nunmehr ein „tolles Treiben“, also das Hirngespinst eines Verrückten. Dass sich Anselmus´ Verhalten aus der Perspektive des Rationalisten tatsächlich als etwas merkwürdig, gar lustig erweist, zeigt Hoffmann, indem er dem Leser vor Augen führt, was die vorübergehende Bürgersfrau gesehen hat: „Der [Anselmus] hatte nämlich den Stamm des Holunderbaumes umfasst und rief unaufhörlich in die Zweige und Blätter hinein: »O nur noch einmal blinket und leuchtet, ihr lieblichen goldnen Schlänglein, nur noch einmal lasst eure Glockenstimmchen hören! […]«“ (ebd.).

Doch die Sprache der Natur, die Anselmus soeben noch vernommen hat, ist verstummt. Der Holunderbaum rauscht „statt aller Antwort nur ganz dumpf und unvernehmlich mit den Blättern“ (S. 12). Die plötzliche Konfrontation mit der Realität vergleicht Hoffmann mit einem Schwall eiskalten Wassers, der einen Schlafenden aus seinen Träumen herausreißt (vgl. ebd.).

Die Philisterkritik

Als Anselmus seine ‚Rückkehr in die bürgerlich-alltägliche Welt‘ realisiert, rennt er vor Scham davon. Dabei verliert er seinen Tabaksbeutel, den der heraneilende Familienvater, ein weiterer „ehrbarer“ Bürger, aufhebt. Auch er hat das offenkundig unangebrachte Verhalten des Studenten beobachtet und ist darüber verwundert. Ebenso wie seine Frau, die den Anselmus für geistig verwirrt hält, sucht er ebenfalls nach einer rationalen Erklärung. Diese liegt für ihn im Alkohol: „»Lamentier‘ der Herr nicht so schrecklich in der Finsternis, und vexier‘ Er nicht die Leute, wenn Ihm sonst nichts fehlt, als dass Er zu viel ins Gläschen geguckt […].“ (S. 13).

Trunkenheit als Erklärung für Anselmus‘ Verhalten ist aus Sicht des Familienvaters legitim, insbesondere an einem so wichtigen christlichen Feiertag wie dem Himmelfahrtstag. Allerdings solle Anselmus „fein ordentlich zu Hause“ (ebd.) seinen Rausch ausschlafen, so rät ihm der Familienvater mit väterlicher Arroganz.

Die Tatsache, dass der Bürgersmann sich nach seiner ‚Mora...

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