Rezension

Als im Jahre 1819 die Novelle „Das Fräulein von Scuderi“ erstmals erschien, war die Kritik der Zeitgenossen überwältigend gut. Eine der besten deutschen Novellen sei das Werk, hieß es, und E. T. A. Hoffmanns erzählerische Gabe wurde hochgelobt. Das ist kein Wunder, denn die Geschichte um die schlaue Dichterin, die einen mysteriösen Mordfall aufklärt, sich dabei gegen ein ungerechtes Rechtssystem stemmt und zusätzlich eine junge Liebe rettet, passte genau zu dem Zeitgeist der Spätromantik. Zusätzlich war der Autor ein Mann mit vielen Begabungen: Hoffmann komponierte auch Musik und zeichnete Karikaturen. Genau solche Künstlertypen waren das Vorbild im romantischen Zeitalter.

Der Stoff der Geschichte war auch in der jüngeren Vergangenheit sehr beliebt. „Das Fräulein von Scuderi“ wurde mehrere Male verfilmt und hat auch zu Theateradaptionen inspiriert.

Heute ist es sicher keine Bedingung, aber hilfreich, den romantischen Stil wertschätzen zu können, um die Lektüre der Novelle zu genießen. Die Sprache ist auffällig leidenschaftlich, emotional und schwärmerisch. Doch der Clou bei „Das Fräulein von Scuderi“ ist, dass diese Novelle auch ein Krimi ist. Die Geschichte um die Aufklärung der mysteriösen Morde ist durchaus spannend. Auch wenn der Mörder schon früh in der Geschichte auftaucht, und sich auch seltsam verhält, so wird sein Motiv erst spät aufgedeckt, und auf die umfangreichen Hintergründe hätte der Leser nicht von selbst kommen können.

Überhaupt ist es erstaunlich, wie Hoffmann es geschafft hat, eine solch komplexe Geschichte auf so wenigen Seiten niederzuschreiben. Die Geschichte erstreckt sich über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr. Natürlich gibt es Zeitsprünge und -raffungen, doch ganz komplexe Handlungsabschnitte werden in wörtlicher Rede von den Figuren erzählt, sodass der Leser auch einen guten Einblick in die Haltungen und Persönlichkeiten dieser Charaktere bekommt.

Auch wenn die Novelle schnell gelesen ist, ist sie sehr lehrreich. Besonders spannend ist es, den Mörder näher kennenzulernen. Hier kann man implizit das Interesse an psychischen Erkrankungen, das im 19. Jahrhundert in eine neue Phase eintrat, erkennen. Das Verhalten der Figur Cardillac gibt zahlreiche Hinweise auf psychische Störungen, die heute zum Alltag der Psychiatrie gehören.

Weiterhin bekommt man einen Eindruck vom Paris des ausgehenden 17. Jahrhunderts, erhält Einblick ins Königshaus, in dem Louis XIV und seine Mätresse, die Marquise de Maintenon, die Protagonistin wie eine Freundin behandeln. Aber viel mehr werden die Schattenseiten der Zeit des Sonnenkönigs thematisiert, in dem sich Giftmorde ereigneten und vermeintliche Mörder durch den Feuertod gestraft wurden. Systemkritisch schafft Hoffmann in der Figur des gefürchteten Präsidenten des Gerichtshofes, la Regnie, eine Personifizierung der Problematik von Machtmissbrauch und willkürlicher Grausamkeit.
 

Die Hintergründe der Erzählung sind zu großen Teilen authentisch. Der Autor hat es geschafft, reale Geschichte auf wunderbare Weise mit seinen eigens erdachten Ideen zu verbinden. Auch die Titelheldin existierte wirklich: Madeleine de Scudéri war Dichterin, Günstling von Louis XIV und ein wichtiges Mitglied des literarischen Salons in der Epoche des Barocks.
 

Die Botschaft der Geschichte ist einfach, doch die Geschichte ist komplex. Denn die Moral wird durch die Figuren des Fräulein von Scuderi versus la Regnie, die sozusagen einen direkten Gegensatz von Gut und Böse darstellen, eindeutig gezeigt: Hör auf dein Gefühl, und sei im Zweifel für den Angeklagten. Doch der Kampf der Menschlichkeit gegen die Grausamkeit, der Gefühle gegen die Logik, der Liebe gegen den Menschenhass, dreht sich um die Personen in der Mitte, welche vielschichtig sind und nicht eindeutig in Schubladen einzuteilen. Es gibt den Mörder, der Mitleid beim Leser erregt, einen Gesellen, der aus Liebe sich der Verschleierung des Mörders schuldig macht, ein naives Mädchen, das bis zum Ende nicht die Wahrheit erfährt, und einen Polizisten, der zunächst wie ein Held wirkt, jedoch auch menschliche Schwächen zeigt. Insgesamt ist „Das Fräulein von Scuderi“ ein wunderbar bereicherndes Stück Literatur mit typisch spätromantischen Themen und ein sicheres Vergnügen für Freunde der Kriminalgeschichte.