Merkmale der Romantik im Werk

E.T.A. Hoffmann ist ein typischer Vertreter der Spätromantik, die auch als „Schwarze Romantik“ bezeichnet wird. Seine Erzählung „Das Fräulein von Scuderi“ beschäftigt sich mit den Schattenseiten und dem Wahnsinn der Menschen. Sie ist eine Kriminalgeschichte, die sich mit dem Irrationalen, dem Dunklen und dem Unfassbaren beschäftigt und in der Romantik verwurzelt ist. Nachfolgend werden einige Züge der Romantik, die im Werk zu finden sind, geschildert.

Die Zeit des Sonnenkönigs

Hoffmanns historisierende Kriminal- und Detektivgeschichte spielt in Paris circa 1680, und zwar zur Zeit des Sonnenkönigs. Indem er schildert, wie ein Unbekannter ein Kästchen bei dem Fräulein von Scuderi abgegeben wird, beginnt Hoffmann sein Werk mit einer Rückblende. Er erzählt eingehend  und detailliert  von der Giftaffäre, die die damalige zeitgenössische Gesellschaft ersc hütterte und verängstigte. Die Verwendung zahlreicher  realen historischen Fakten und Figuren zeigt, dass der Autor sich gründlich informiert hat. Eine bedrohliche und ungeheuerliche Stimmung wird erzeugt: Viele verschiedene Menschen werden mithilfe eines Pulvers, das augenblicklich bei seiner Einatmung den Tod verursacht, vergiftet.

Glücklicherweise können die Gendarmen und die Polizei  die Ruhe wiederherstellen. Viele Menschen, darunter Angehörige des Hochadels, werden verhaftet und hingerichtet: „Während nun auf dem Greveplatz das Blut Schuldiger und Verdächtiger in Strömen floß, und endlich der heimliche Giftmord seltner und seltner wurde, zeigte sich ein Unheil anderer Art, welches neue Bestürzung verbreitete“ (S. 12). Die Beschreibung dieser historischen und teilweise realen Tatsachen dient dem Zweck,  den unheimlichen Kontext für Cardillacs fiktive Handlungen zu schaffen.

In seiner Erzählung fokussiert sich Hoffmann auf die Giftgeschichte und interessiert sich nicht für die sozialen Aspekte der Gesellschaft. Die Zeit des Sonnenkönigs war durch den großen Unterschied zwischen den Armen  und den Reichen gekennzeichnet. Am Hof Ludwigs XIV. bestand das luxuriöse Leben aus Prunk und Pracht, aus Glanz und Festen. Dem allgemeinen Volk zeigte der Alltag jedoch nur wenige romantische Züge. Es litt unter einer Hungersnot und lebte im Elend.

Bei dem Bau des Schlosses von Versailles, der gut vierzig Jahre dauerte, starben zum Beispiel ungefähr 6.000 der 36.000 Arbeiter, die oft zur Arbeit gezwungen wurden und nur einen sehr geringen Lohn erhielten. Das Schloss wurde in einem Sumpfgebiet gebaut und an dem Sumpffieber (die Malaria) starben viele Menschen. Das durchschnittliche Alter der Menschen betrug damals  25 Jahre. Die Krankheiten, die oft mit dem Nahrungsmangel in Verbindung standen, verursachten regelmäßige Epidemien. Das Leben war für das Volk oft ein einziger Kampf um das Überleben.

33 der 54 Jahre Regierungszeit des stolzen und eitlen Sonnenkönigs zeichneten sich durch Kriegsführung gegen Holland, Österreich oder Spanien aus. Um diese Kriege zu finanzieren, wurden ständig die Steuern erhöht. Der Bau des schönsten und größten Palasts Europas und die Kriege ruinierten Frankreich. Im Jahr 1715, als der Sonnenkönig starb, stand das Land vor dem Staatsbankrott. Der Unmut und die Unzufriedenheit des Volkes wuchsen stetig. Der Grundstein für die kommende Revolution war gelegt.

Der König wird in Hoffmans Geschichte als ein romantischer, kunstliebender und nachgiebiger Herrscher dargestellt. Er ist kein Tyrann, doch er herrscht auch nicht mit sicherer Hand. Er lässt sich leicht beeinflussen und greift nicht gegen la Regnie durch, obwohl er als König im Absolutismus eigentlich über dem Gesetz steht. Dass sich das Blatt in dieser Geschichte zum Guten wendet, liegt nur daran, dass die Scuderi den König in seinen Entscheidungen beeinflusst. Ohne die Heldin wäre der unschuldige Olivier als Opfer dieses Systems doch umgekommen.

In der Wirklichkeit übernimmt Ludwig XIV. 1661 die Alleinregierung in Frankreich. Er degradiert seine Minister zu Befehlsempfängern. Er verkörpert den Staat und verfügt über die uneingeschränkte Macht. Romantisch ist er gerade nicht, als er beispielsweise die Hugenotten verfolgen lässt. Sein Wunsch, mit allen Mitteln die französischen Protestanten mit Zwang in die römische Kirche zurückzuführen, veranlasst viele Menschen dazu, aus ihrer Heimat zu fliehen. Die Welt war damals doch nicht ganz in Ordnung. 

Vermischung Realität und Fantasie

Neben dem Sonnenkönig ist das Fräulein von Scuderi von Hoffmann auch aus der wirklichen Geschichte entnommen. Die reale Schriftstellerin Madeleine de Scudéry war eine bedeutende Autorin des französischen Barocks. Die Handlung der Novelle geht auch auf wahre Ereignisse zurück. Hoffmann lässt sich von der berühmten historischen „Giftaffäre“ (auf Französisch „l‘affaire des poisons“) inspirieren, die von einer Serie von unerklärlichen und mysteriösen Morden in den Jahren 1675 bis 1682 in Paris während der Regierungszeit Ludwigs XIV. handelt.

Der König wies eine Kommission an, unter dem Namen „Chambre ardente“ (französisch für „glühende Kammer“) die Mordserie zu untersuchen. Ihre Verfahren fanden in einem mit schwarzen Vorhängen abgedunkelten, durch Kerzen erhellten Raum statt. Der Präsident la Regnie leitete die Kommission. Er verhaftete eine Giftmischerin, die unter der Folter mehrere Morde gestand, und erklärte vor ihrer Hinrichtung, dass auch Adelige ihre Auftraggeber gewesen seien. Die Fahndung wurde ausgeweitet und führte schließlich bis  zum Hof des Sonnenkönigs. Der Skandal erschütterte in den Jahren 1670 bis 1680 den französischen Hof. Zahlreiche Prominente und Mitglieder des Adels wurden nachfolgend wegen Giftmord und Hexerei verurteilt. Viele zogen es vor, aus dem Land zu fliehen. Mehrere der angeklagten Menschen wurden gefoltert und enthauptet.                                                                         

Um Spannung und Interesse zu erzeugen und der Geschichte einen Anschein von Authentizität zu verleihen, hat der Autor diese historischen Ereignisse nahtlos in seine  Erzählung eingebettet. Damit ist es für den Leser manchmal schwierig, die fiktiven und die realistischen  Elemente voneinander zu unterscheiden. Die Rolle der Titelheldin, die Figuren Cardillac, Madelon und Oliver und die Geschehnisse, die in der Erzählung beschrieben werden, entspringen doch zum größten Teil der Fantasie des Autors. Die echte Madame de Scuderi hat nie dafür gesorgt, dass ein Unschuldiger entlastet und ein echter Täter gefasst wird.

Vermischung von unheimlichen und irrealen Tatsachen

Nicht die Vernunft, sondern das Gefühlsleben des Menschen steht bei den Romantikern im Mittelpunkt. Statt rational zu denken, öffnet man sich dem Glauben an das Übernatürliche, das Mystische. Während man in der Klassik die Begrenzung betont, wird in der Romantik die Tendenz zum Irrationalen, zum Wunderbaren deutlich.

Die Bewegung wendet sich also von der formalen Logik ab und verwendet auch das Kranke als eine Kunstform. Das krankhafte Verhalten und der Wahnsinn von Außenseitern werden thematisiert, wie in Hoffmanns Erzählung. Die Grenzen zwischen Traum, Fantasie und Wirklichkeit werden aufgehoben  bzw. verschwimmen.

Zur Zeit der Romantik befanden sich die Psychiatrie und die Psychologie noch eher in ihren Anfängen, weshalb sich auch viele Künstler für sie interessierten. René Cardillac wird in der Novelle nie direkt als psychisch krank bezeichnet. Seine in der Novelle beschriebenen Verhaltensweisen lassen jedoch Rückschlüsse auf unterschiedliche psychische Erkrankungen zu.

Cardillac wird Goldschmied. Der erfolgreiche Künstler kann sich jedoch nicht von seinen Werkstücken trennen. Er hört Stimmen, die ihm einreden, dass der Schmuck, den er anfertigt, ganz allein ihm gehört. Diese Stimmen befehlen ihm, sich den Schmuck, den er verkauft hat, wieder zurückzuholen, und treiben ihn dadurch in die Kriminalität. Cardillac wird zum Juwelendieb (S. 56). Cardillac kann sich das Phänomen nicht erklären und beschreibt den Vorgang mit den Worten „… das Gespenst hing sich an meine Schritte – der lispelnde Satan an mein Ohr!“ (S. 57).

Um seine Schmuckstücke wieder zurückzubekommen, raubt er und ermordet schließlich auch die Besitzer in der Nacht. Tagsüber ist Cardillac ein angesehener Bürger von Paris, nachts begeht er seine Verbrechen. Auf der einen Se...

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