Form ist Wollust Interpretation

Titel, Form und Metrik

Der elsässische Lyriker Ernst Stadler veröffentlichte  sein Gedicht „Form ist Wollust“ 1914 in der Gedichtsammlung  „Der Aufbruch“. Formal experimentiert Stadler in seinen Gedichten mit der Dichtertradition, um aus dem Bekannten auszubrechen und zu neuen Formen zu finden.

Bereits der  Titel des von Ernst Stadler im Jahr 1914 verfassten Gedichts führt zwei auf den ersten Blick nicht unmittelbar zusammengehörende Begriffe zusammen: Die Form, die die äußere Gestalt meint, und die Wollust, die ein körperliches Wohlgefühl bis hin zur sexuellen Lust bedeuten kann. Der Titel signalisiert gleichzeitig eine bestimmte Lesart, die sich durch die Interpretation des Gedichts bestätigt: Mit der Form ist nichts anderes gemeint als die Form des Gedichts. Seit der Lyrik der sog. Moderne um 1900 ist die Form selbst verstärkt zum Gegenstand der Dichtkunst geworden.  Stadlers Gedicht „Form ist Wollust“ ist demnach ein Gedicht, das  poetologisch ist, da es das eigene 'Gemachtsein' zum Thema hat.

Das Gedicht besteht aus zehn Versen, die im Paarreim gestaltet sind und weibliche Kadenzen aufweisen. Fast alle Verse bestehen aus fünfhebigen Trochäen, wobei der dritte und der vierte Vers sechs Hebungen haben, die dem Gedicht eine gewisse Unregelmäßigkeit verleihen. Der unreine Reim des letzten Reimpaares verstärkt den Eindruck einer latenten Unausgeglichenheit. Der Aufbau des Gedichts ist überwiegend in einem strengen, klar rhythmisierten Metrum gefasst und damit eher als traditionell zu bezeichnen.

Besonderer Gedichtaufbau

Das Gedicht lässt sich in drei übergeordnete Sinnabschnitte unterteilen: Die Verse eins und zwei, die Verse drei bis acht und die Verse neun und zehn.

Auf den ersten Blick fällt die Gestaltung der Versanfänge auf: Das Wort „Form“ eröffnete vier der zehn Verse, und zwar, mit Ausnahme von Vers neun, immer abwechselnd zu dem darauffolgenden Vers. Hierdurch erhält der Begriff eine besondere Bedeutung, da er stark hervorgehoben wird. Die Anapher verstärkt diesen Aspekt auch akustisch. Daneben gibt es ein weiteres Wort, das auffällig häufig am Beginn eines Verses auftritt.

Die Verse vier, sechs und acht beginnen mit dem Wort „Doch“. Ein „Doch“ ist ein Widerspruch, der dem Gedicht, so wird bereits auf dem ersten Blick ersichtlich, eine gewisse Spannung und Dynamik verleiht und zu der Unausgeglichenheit der eigentlich strengen Versausgestaltung korrespondiert.

Demnach lassen sich die Verse in Zweierpaare unterteilen, von denen der erste Ver...

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