Fabian und die Moral

Die Moralisten und die Moralistik

Schon im Untertitel des Romans wird darauf verwiesen, dass „die Geschichte eines Moralisten“ erzählt wird. Unter einem Moralisten versteht man einen Literaten oder einen Philosophen, der den Moralismus vertritt. Unter dem Moralismus versteht man eine Haltung, welche die Moral zum allgemein verbindlichen Maßstab des menschlichen Zusammenlebens erhebt. Die philosophische Literaturgattung, die sich differenziert mit den Sitten und dem Zusammenleben der Menschen auseinandersetzt, nennt man Moralistik

Die Moralisten vertreten die Meinung, dass der Mensch nicht nur ethische und gesetzliche Normen benötigt, sondern auch solche, die das gesellschaftliche Zusammenleben regeln. Viele Autoren verfassten Schriften über dieses Problemfeld, die rückblickend immer auch einen sehr eindringlichen Blick auf die jeweilige Epoche vermitteln, in der sie verfasst wurden.

Die Moralisten beobachten und beschreiben das Verhalten und die Sitten ihrer Mitmenschen. Die Themen, mit denen sie sich immer wieder auseinandersetzen, sind die Frage nach dem Glück, die Auseinandersetzung mit der menschlichen Vergänglichkeit, Liebe, Freundschaft und Partnerschaft, die Suche des Menschen nach Autonomie und Unabhängigkeit sowie die Frage nach der Gerechtigkeit.

Seit der Aufklärung ist vor allem der letzte Punkt durch eine heftige Diskussion darüber geprägt, inwieweit sich das Individuum aus der Masse herauslösen kann und sein Leben selbstbestimmt und frei von gesellschaftlichen Zwängen leben kann. Damit behandelt die Moralistik soziologische und sozialpsychologische Aspekte, bevor diese zu wissenschaftlichen Spezialdisziplinen wurden. Kästners großes Interesse an der Aufklärung und der Moralistik lässt sich an der Wahl seines Dissertationsthemas erkennen.

Fabian der Gefühlschirurg

Die Hauptfigur des gleichnamigen Romas Fabian steht in der Erzählung seinen eigenen Gefühlen sehr distanziert gegenüber. Seit längerer Zeit arbeitet er „aus Liebhaberei“ (S. 19) daran, „gemischte Gefühle“ (S. 19) zu haben. Er möchte sie beobachten, wie „ein Chirurg, der die eigene Seele aufschnitt“ (S. 19). Aus diesem Grund will er sich zuerst beispielsweise auf einen Abend mit Irene Moll einlassen (siehe dazu Charakterisierung Irene Moll).

Fabian nimmt vielmehr immer wieder eine beobachtende Position ein und wartet „auf den Sieg der Anständigkeit“ (S. 112), dennoch ist ihm bewusst, dass er darauf wartet „wie ein Ungläubiger auf Wunder“ (S. 112). Immer wieder verbirgt er seine wahren Gefühle seinen Mitmenschen gegenüber hinter Ironie, Spott und Distanziertheit, um nicht verletzt zu werden: „Man halte hier jeden Menschen, mit Ausnahme der Kinder und Greise, bevor das Gegenteil nicht unwiderleglich bewiesen ist, für verrückt.“ (S. 113).

Der junge Germanist bezeichnet sich selbst als einen Melancholiker, denn so kann ihm im verrückten Treiben der Großstadt nicht viel passieren. Er neigt nicht zum Selbstmord, denn er verspürt „nichts von dem Tatendrang, der andere nötigt, so lange mit dem Kopf gegen die Wand zu rennen, bis der Kopf nachgibt“ (S. 112) (siehe dazu Abschnitt „Schoppenhauer und Fabian“).

Erst seine Geliebte Cornelia berührt ihn so sehr, dass er seine Maske fallen lässt, seinen Panzer öffnet und sich innerlich für die Idee einer festen und dauerhaften Beziehung öffnet: „Ich glaube, ich warte nur auf die Gelegenheit zur Treue, und dabei dachte ich bis gestern, ich wäre dafür verdorben.“ (S. 133).

Fabian der Moralist

Glauben an das Gute in Menschen

Fabian ist deshalb ein Moralist, weil er sein Leben statt nach Profit- und Gewinnorientierung nach ethischen und moralischen Grundsätzen ausrichtet. Er glaubt an das Gute im Menschen. Er strebt nicht nach den Dingen, die seine Umwelt bestimmen, denn Geld, Macht und beruflicher Aufstieg bedeuten ihm nichts: „Ich kann vieles und will nichts. Wozu soll ich vorwärtskommen? Wofür und wogegen? Nehmen wir einmal an, ich sei der Träger einer Funktion. Wo ist das System, in dem ich funktionieren kann? Es ist nicht da, und nichts hat Sinn. […] Wozu soll ich Geld verdienen? Was soll ich mit dem Geld anfangen? […] Ich bin kein Kapitalist, wiederhole ich dir! Ich will keine Zinsen, ich will keinen Mehrwert. […] Was fang ich mit der Macht an? […] Aber was fange ich mit der Macht an, da ich nicht mächtig zu sein wünsche? Machthunger und Geldgier sind Geschwister, aber mit mir sind sie nicht verwandt.“ (S. 57-58).

Bei dem Besuch seiner Mutter steckt Fabian ihr beispielsweise heimlich einen Zwanzigmarkschein in ihre Handtasche. Als er sie zum Bahnhof gebracht hat und in seine Wohnung zurückkehrt, findet er dort einen Zwanzigmarkschein seiner Mutter für sich vor. Er betrachtet die Situation aus einer materiellen und aus einer moralischen Perspektive heraus: „Mathematisch gesehen war das Ergebnis gleich Null. […] Aber gute Taten lassen sich nicht stornieren. Die moralische Gleichung verläuft anders als die arithmetische.“ (S. 163). Er grenzt damit sein Handeln klar von der bloßen Betrachtung des materiellen Wertes ab. Dies erklärt seine völlig losgelöste Einstellung zum Geld, dem er keinen wirklichen Wert zumisst und das er großzügig verschenkt, obwohl er selbst als Arbeitsloser kaum noch etwas hat.

Der naive Moralist

Fabians Verhalten gegenüber seinen Mitmenschen grenzt dabei oftmals an Absurdität, auch wenn sein Handeln, moralisch betrachtet, sehr lobenswert ist: Er rettet ein kleines Mädchen vor einem Kaufhausdetektiv und kauft ihr von seinem letzten Geld als Arbeitsloser einen Aschenbecher, den sie für ihren Vater stehlen wollte....

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