Gesellschaftskritik

Die unabhängige Presse

Manipulieren zum Nutzen der Regierung

In der zeitgenössischen Presse werden die Moralität und die Ehrlichkeit auf den Prüfstand gestellt. Fabian begleitet den Redakteur Münzer zu seinem Arbeitsplatz bei einer Zeitung, um dessen Methoden näher kennenzulernen. Als der Volontär Irrgang Münzer mitteilt, dass im Leitartikel fünf Zeilen gestrichen wurden und der Platz aufgefüllt werden muss, erfindet Münzer kurzerhand einen Bericht über angebliche Unruhen in Kalkutta. Dabei sollen vierzehn Menschen zu Tode gekommen und zweiundzwanzig Menschen verletzt worden sein (S. 31).

Sowohl Fabian als auch der Volontär beurteilen dieses Vorgehen aus moralischer und ethischer Sicht als sehr fragwürdig, doch Münzer entgegnet ihnen sarkastisch: „Meldungen, deren Unwahrheit nicht oder erst nach Wochen festgestellt werden kann, sind wahr.“ (S. 32). Der Redakteur weiß, wie sehr er mit seinen Artikeln die öffentliche Meinung manipulieren kann und wie sehr es den Aussagewert eines Artikels beeinflusst, wenn man gewisse Informationen unterschlägt: „Man beeinflusst die öffentliche Meinung mit Meldungen wirksamer als durch Artikel, aber am wirksamsten dadurch, dass man weder das eine noch das andere bringt. Die bequemste öffentliche Meinung ist noch immer die öffentliche Meinungslosigkeit.“ (S. 32).

Die Zeitung ist dazu verpflichtet, offizielle Stellungnahmen der Regierung, wie beispielsweise die Kanzlerrede, nicht zu verändern, sondern nur zu kürzen: „Wir haben Anweisung, der Regierung nicht in den Rücken zu fallen. Wenn wir dagegenschreiben, schaden wir uns, wenn wir schweigen, nützen wir der Regierung.“ (S. 33).

Fabians Vorschlag, für die Regierung zu schreiben, weist Münzer von sich. Seine unpolitische Haltung beruht darauf, dass er mit seinen Artikeln sein Geld verdient, und er will diese Möglichkeit nicht durch die offensichtliche Entscheidung für ein politisches Lager in Gefahr bringen. Bezüglich seiner Arbeit blendet er als Mitläufer seine persönlichen moralischen und politischen Überzeugungen aus: Er ist bereit zu lügen, um seine Stellung zu bewahren. Der Handelsredakteur Malmy merkt dazu an: „Er ist seit zwanzig Jahren Journalist und glaubt bereits, was er lügt. Über seinem Gewissen liegen zehn weiche Betten, und obenauf schläft Herr Münzer den Schlaf des Ungerechten.“ (S. 34).

Lüge und Moral

Auch der Handelsredakteur Malmy muss in seinen Artikeln oft lügen und er ist sich dieser Tatsache durchaus sehr bewusst. Die Wirtschaft beruht auf einem falschen System, aber er dient diesem falschen System „mit Hingabe“ (S. 34), wobei „die falschen Maßnahmen naturgemäß richtig und die richtigen sind begreiflicherweise falsch“ (S. 34). Ihm ist völlig bewusst, dass die Wirtschaft in dieser Zeit auf unhaltbaren Spekulationen beruht, die jederzeit eine Katastrophe auslösen können: „Wenn das Geld mal in großen Posten abgerufen wird, sacken wir alle ab, die Banken, die Städte, die Konzerne, das Reich.“ (S. 37). Indem Malmy aber nicht darüber berichtet und dieses Faktum verschweigt, hilft er dabei „das Verkehrte konsequent zu tun“ (S. 37). Er bezeichnet sich selbst als „Feigling“ (S. 34), doch er tut nichts mehr dagegen. Auch handelt er deshalb so, weil er seinen Arbeitsplatz nicht verlieren will und sich gegenüber dem System machtlos fühlt.

Das größte Problem der Gesellschaft für ihn ist die „seelische Bequemlichkeit“ (S. 40) aller Beteiligten, an der die Menschheit zugrunde gehen wird. Moral hat in dieser Gesellschaft scheinbar keinen Platz mehr und es wird nicht gegen die Ungerechtigkeiten aufbegehrt. Die Auswirkungen auf die Gesellschaft zeigen sich in dem heftigen Kampf der linken und rechten Gruppierungen, die mit Gewalt diese langfristig aufgebauten Probleme beseitigen wollen (S. 41). Viele Menschen sind der Überzeugung, dass man mit mehr Geld sehr wohl alle Probleme lösen kann. Dies ist für Malmy der beste Beweis, dass die Menschen das falsche System aufrechterhalten wollen und sich mit ihrem unmoralischen Verhalten abgefunden haben (S. 42).

Der verdammte Krieg

Die Henkersmahlzeit

Die Neue Sachlichkeit stellt die Desillusion dar, welche die Schrecken des Ersten Weltkriegs auf die Menschen ausübte, auch noch mehr als Jahrzehnt nach dem Ende des Kriegs. Als Fabian erfährt, dass er als Soldat in den Krieg muss, wird dadurch plötzlich all sein Streben hinfällig, denn die Zukunft verheißt nichts Gutes: „Wir schrieben Aufsätze und Diktate, wir lernten scheinbar, und es war gleichgültig, ob wir es taten oder unterließen. Wir sollten ja in den Krieg.“ (S. 67).

Als er sich 1930 an die Schwere dieses Gefühls erinnert, wird er unruhig und läuft hin und her. Er erzählt dann „Ich treibe mich herum, und ich warte wieder, wie damals im Krieg, als wir wussten: Nun werden wir eingezogen.“ (S. 67). Diese Situation führt dazu, dass er „einen gefährlichen Lebenshunger“ (S. 67) entwickelt, denn jedes Erlebnis konnte ihre „Henkersmahlzeit“ (S. 67) sein.

Er erhält acht Tage Urlaub und verbringt diese in Graal an der Ostsee, da er dort als Kind einmal gewesen ist. Melancholisch verbringt er dort die Tage und schläft mit sechs von zehn passablen Frauen, die um diese Jahreszeit dort ihren Urlaub verbringen (S. 68). Er weiß nicht mehr, was er tun soll: „Die nächste Zukunft hatte den Entschluss gefasst, mich zu Blutwurst zu verarbeiten. Was sollte ich bis dahin tun? Bücher lesen? An meinem Charakter feilen? Geld verdienen?“ (S. 68). Die drohende Gefahr, in diesem brutalen Krieg sein Leben auf grausame Weise zu verliere...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen