Weber und Nichtweber

Die Weber 

Der Held als Kollektiv

Da Hauptmann mit dem Weberelend das Schicksal einer gesamten sozialen Klasse thematisiert, lässt sich das Drama kaum auf einen einzelnen Helden reduzieren. Vielmehr nehmen die Weber diese Rolle im Kollektiv ein. Mit diesem Helden-Konzept grenzt sich Hauptmann vom aristotelischen Dramentypus ab.

Dennoch treten die Weber nicht als gleichförmige Masse auf. Zwar bleibt der überwiegende Teil von ihnen namenlos, einige jedoch werden genauer charakterisiert und somit als Individuen erkennbar gemacht. Gleichzeitig stehen diese Figuren beispielhaft für die damaligen Lebensumstände und Einstellungen innerhalb des Kollektivs

Mit der Familie Baumert und der Familie Hilse hebt Hauptmann zwei Weberfamilien hervor, die sich jeweils über drei Generationen erstrecken. Die Baumerts leben in Kaschbach, die Hilses im nahegelegenen Langenbielau. Beide Familien sind miteinander verwandt (vgl. Grafik „Figurenkonstellation“) und durch ein Leben in bitterer Armut geprägt. Mit Bäcker und Ansorge treten noch zwei alleinstehende Weber hinzu, die der Autor ebenfalls eingehender portraitiert.

Die übrigen Weber bleiben weitgehend anonym. Gelegentlich werden einige Namen und damit verbundene Schicksale genannt: der Nentwich Weber, der sich am Webstuhl erhängt hat (vgl. S. 22), der Weber Wenglersch, der ein verscharrtes Pferd ausgrub, um es zu essen (vgl. S. 94), – und nicht zuletzt die Familie Heinrich, die als besonders notleidendes Beispiel hervortritt (vgl. S. 20, 30 ff.).

Hunger, Armut und Krankheit 

Die desaströsen Lebensverhältnisse sind als Folge der prekären Arbeitsbedingungen von wesentlicher Bedeutung für die Charakterisierung der Weber. Eindringlich und detailliert beschreibt Hauptmann die kärglichen Wohnstuben, die bittere Hungersnot, den Mangel an vernünftiger Kleidung und die schlechten Gesundheitszustände. 

Das Elend der Weber zeigt sich bereits in ihrer Physiognomie. Im ersten Akt spricht der Autor von „flachbrüstige[n], hüstelnde[n], ärmliche[n] Menschen mit schmutzigblasser Gesichtsfarbe: Geschöpfe des Webstuhls, deren Knie infolge vielen Sitzens gekrümmt sind.“ (S. 10). Die schlechte körperliche Verfassung der Weber ist vornehmlich auf die Armut, Knochenarbeit, die unzumutbaren Wohnverhältnisse und die mangelnde ...

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