Das Ende des Dramas

Der ungewöhnliche Schluss

Zentral für den 5. und letzten Akt des Schauspiels ist die Einführung des alten Hilse, einer Figur, die sich gegen den Aufstand der Weber positioniert. Hilses Lebenseinstellung ist von einer fatalistischen Gottesfurcht geprägt. Dem frommen Weber fehlt jegliches Verständnis für den unbändigen Willen seiner aufständischen Kollegen, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen: „Gericht wird gehalten, aber nich mir sein Richter, sondern: mein is die Rache, spricht der Herr, unser Gott.“ (S. 105).

Hilse lehnt die Selbstermächtigung gegenüber Gott ab. Vor allem aber stemmt er sich gegen die seiner Meinung nach sinnlose Gewalt der Weber. Nicht nur, dass er den Aufstand als Teufelswerk bezeichnet, er warnt seine „Brieder“ (S. 114) vor einem blutigen Ende: „Se wern’s euch beweisen, wo de Gewalt steckt.“ (S. 111). 

Die Prophezeiung des gottesfürchtigen Webers bewahrheitet sich, denn schlussendlich wird der Aufstand vom Militär niedergeschlagen. Hauptmann erzählt diesen Teil der Geschichte jedoch nicht mehr. Stattdessen wählt er einen Schluss, der das Ende des Aufstands symbolisch vorwegnimmt: Der unbeteiligte Hilse wird versehentlich durch einen Querschläger getroffen und stirbt (vgl. S. 116). Er war all den Warnungen seiner Nachbarn zum Trotz am Fenster sitzengeblieben und hatte sich mehr oder weniger wissentlich dadurch in Gefahr gebracht

Hauptmann wählte für sein Weberdrama einen ungewöhnlichen Schluss, der Anlass zu unterschiedlichsten Interpretationen in der literaturwissenschaftlichen Forschung gab. Dabei spaltete insbesondere die Frage die Leserschaft, ob der Schluss das Drama zu einem Revolutionsstück oder zu einem Anti-Revolutionsstück macht. Der Autor selbst stritt jegliche tendenziöse Ausrichtung seines Stückes ab (vgl. Abschnitt „Gesellschaftskritik“).

Die revolutionäre Deutung 

Eine mögliche Deutung des Schlusses besteht darin, den tragischen Tod des alten Hilse nicht als ein Mahnmal gegen die Gewalt, sondern als ein Zeichen für den Anbruch einer neuen Generation zu verstehen. Hilses fatalistische und antirevolutionäre Haltung ist demnach überholt und unbrauchbar geworden. Mit seinem mehr oder weniger freiwilligen Ableben macht er Platz für jene Weber, die an eine Veränderbarkeit der Verhältnisse glauben. 

Hilses Tod steht damit symbolisch für das Ende einer langen Periode der Unterdrückung, die vor allem durch die handlungshemmende Religiosität der Weber bedingt war. Was mit der Prügelattacke auf Pastor Kittelhaus begann, findet im Abgang Hilses seinen Höhepunkt: Der Niedergang des konservativen Glaubens und der Ausruf der Revolution. Nicht zuletzt hat der alte Hilse seinen eigenen Tod mit religiöser Sturheit und Verharrung in defensiver Gottgefälligkeit provoziert: „STIMME, vom »Hause«. Geht vom Fenster weg, Vater Hilse! DER ALTE HILSE Ich nich! […] Hie hat mich mei himmlischer Vater hergesetzt.“ (S. 116). 

Die antiautoritäre Haltung der neuen Generation wird insbesondere durch Hilses Schwiegertochter Luise verkörpert. Auch sie tritt erst- und letztmalig im 5. Akt auf und bildet das rebellische Gegengewicht zu Hilse. Nicht nur, dass sie die lebensfremde Frömmigkeit ihres Schwiegervaters anprangert, sie stellt sich auch dem konservativen Frauenbild entgegen. 

Die notwendige Zeitenwende deutet sich dem...

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