Rezeption und Kritik

Aufführungsverbot

Mit seinem naturalistischen Drama legte Hauptmann Parallelen zwischen dem Elend der schlesischen Weber um 1844 und der Situation der Handwerker und Industriearbeiter um 1890 offen. So hat auch das gespaltene Verhältnis zwischen Volk und Obrigkeit über die Jahrzehnte hinweg nichts an seiner sozialen Brisanz verloren. Angehörige der Regierung fühlten sich durch Hauptmanns »Weber« attackiert und verunsichert, denn sie mussten unangenehme Fragen und kritischen Widerstand befürchten. 

Tatsächlich wurde die Genehmigung zur Uraufführung am »Deutschen Theater« in Berlin zunächst verweigert. Der Intendant Adolphe L’Arronge hatte am 20. Februar 1892 die Dialektfassung »De Waber« bei der zuständigen Zensurbehörde eingereicht. Am 3. März desselben Jahres erteilte der Polizeipräsident ein Aufführungsverbot mit der Begründung, das Stück verleite die Berliner Bevölkerung zu Revolution und Klassenkampf. Schuld daran seien die negative Darstellung des Fabrikanten Dreißiger im Gegensatz zu den Handwerkern ebenso wie die Schilderung des Weberaufstands im 4. und 5. Akt. Kritisch bewertete der Polizeipräsident auch das Weberlied und die Plünderungsszene. 

Hauptmann verfasste derweil eine zweite, dem Hochdeutschen angenäherte Fassung unter dem Titel »Die Weber«, die er mit einigen Änderungen und Kürzungen versah. Auch dieser am 22. Dezember 1892 vorgelegte Text wurde von der Zensurbehörde in einer Verfügung vom 4. Januar des darauffolgenden Jahres abgelehnt. Die ordnungspolizeilichen Bedenken seien durch die vorgenommenen Änderungen keineswegs ausgeräumt, so hieß es in der Begründung. 

Zehn Tage nach dem Verbot reichte Gerhart Hauptmann mit Unterstützung seines Rechtsanwalts Richard Grelling Klage beim Berliner Bezirksausschuss ein. Als diese abgewiesen wurde, ging Grelling beim Preußischen Oberverwaltungsgericht in Berufung – und zwar mit Erfolg: Am 2. Oktober 1893 wurden das Verbot aufgehoben und das Stück zur Aufführung freigegeben. Diese Ausnahmegenehmigung galt jedoch lediglich für das »Deutsche Theater« in Berlin. 

Erste Aufführungen

Bis zur öffentlichen Premiere in Berlin wurden »Die Weber« in geschlossenen Veranstaltungen gespielt, um die staatliche Zensur zu umgehen. Die Spielstätten wurden von Theatervereinen der politisch-gewerkschaftlichen Arbeiterschaft betrieben, welche vornehmlich Aufführungen naturalistischer sozialkritischer Stücke realisieren wollten. Am 26. Februar 1893 wurde Hauptmanns Weberdrama auf der neu gegründeten »Freien Bühne« uraufgeführt, es folgten eine Premiere am 15. Oktober desselben Jahres auf der »Neuen Freien Volksbühne« sowie am 3. Dezember eine auf der »Freien Volksbühne«. Im Mai 1893 spielte man »Die Weber« am Pariser »Théâtre Libre«, welches als Vorbild der deutschen Theatervereine fungierte. 

Zur ersten öffentlichen Vorstellung am »Deutschen Theater« kam es dan...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen