Liebe und Sexualität

Unerfahrenheit und Neugier

Der Schriftsteller Robert Seethaler schildert in seinem Roman „Der Trafikant“ die seelische Entwicklung und das Erwachsenwerden der 17-jährigen Hauptperson Franz Huchel, wozu insbesondere auch die Themen Liebe und Sexualität gehören. 

Als Franz zu Beginn der Handlung nach Wien umzieht (S. 16f.), hat er noch keine Erfahrungen mit der Liebe gesammelt. Der Jugendliche glaubt, dies hänge mit seiner Herkunft zusammen, denn er ist in dem kleinen und abgeschiedenen Ort Nußdorf am Attersee aufgewachsen: „Da, wo ich herkomme, verstehen die Leute vielleicht was von der Holzwirtschaft und davon, wie man den Sommerfrischlern ihr Geld aus den Taschen zieht. Von der Liebe verstehen sie rein gar nichts!“ (S. 44).

Gleichzeitig gibt Franz in seinem ersten Gespräch mit dem Psychoanalytiker Sigmund Freud zu, er habe durch seine Adoleszenz körperliche Veränderungen an sich wahrgenommen und ein wachsendes Interesse am anderen Geschlecht verspürt: „Ein Mädchen!, rief er (…) Endlich hatte er das ausgesprochen, was ihm schon seit langer Zeit, im Grunde genommen schon seit dem Tag, an dem seine ersten Schamhaare zaghaft zu sprießen begonnen hatten, sowohl das Hirn als auch das Herz umrührte.“ (S. 44).

Anstoß und Ermutigung

Trotz seiner sexuellen Wünsche und Bedürfnisse hat Franz bislang noch keine Anstrengungen unternommen, diese auch in die Tat umzusetzen. Erst aufgrund des Zuspruches seines väterlichen Freundes Sigmund Freud, dem Franz von Anfang an ehrfürchtig und mit großem Respekt begegnet, wird der Heranwachsende aktiv: „Mach einen Ausflug. Amüsier dich. Such dir ein Mädchen.“ (S. 43). Der alte Herr fügt provokativ zu: „Bislang haben das noch die allermeisten geschafft.“ (S. 44).

Der Jugendliche besitzt während seiner ersten Wochen in Wien ein nur in geringem Maße ausgeprägtes Selbstbewusstsein und traut es sich nicht zu, ein Mädchen kennenzulernen: „Ja, wenn das so einfach wäre…!“ (S. 44). Nach dem Zuspruch des Analytikers wird Franz dann mutiger: „Und entgegen aller Zweifel, die Franz in dieser Beziehung hegte, hatte sich das gar nicht schlecht angehört, irgendwie zuversichtlich und unumstößlich.“ (S. 46f.).

Bereits ein paar Tage nach dem Gespräch, „schon am nächsten Samstag“ (S. 47), besucht Franz, schick angezogen, den Wiener Prater, um dort ein Mädchen kennenzulernen. Nachdem er in einer Schiffschaukel die attraktive, drei Jahre ältere (S. 90) Böhmin Anezka entdeckt hat, spricht er sie nach ihrer Fahrt mutig aber noch etwas unbeholfen an: „Guten Tag, ich heiße Franz Huchel, komme ursprünglich aus dem Salzkammergut und möchte mit Ihnen Riesenrad fahren!“ (S. 51f.).

Liebe auf den ersten Blick

Anezka ist von Franz` Unerfahrenheit zunächst überrascht und „betrachtet(e) ihn eine Weile wie eine Zoobesucherin ein vom Aussterben bedrohtes Tier, (…)“ (S. 52). Im Gegensatz zu ihren Freundinnen lacht sie den Jugendlichen jedoch nicht aus, sondern zeigt Interesse an ihm. Sie möchte Zeit mit ihm verbringen: „Riesenrad nicht, aber schießen möchte ich, bitteschön!“ (S. 52).

Franz kann daraufhin nicht aufhören, Anezka zu betrachten, denn er hat sich bereits auf den ersten Blick in die junge Frau verliebt: „Aus den Augenwinkeln sah Franz, wie sich das böhmische Mädchen vorbeugte, das Gewehr an die Wange legte und den Finger über dem Abzug krümmte. Es war ein kurzer Finger, rosig und rund. Überhaupt war alles rund an ihr: die kleinen Ohren, die Na...

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