Symbolik von Raum und Zeit

Rahmenhandlung

Nebel und Nacht

Die Rahmenhandlung beginnt im Herbst, der den bereits einsetzenden Niedergang andeutet: Frühling und Sommer sind vorbei, nun beginnt die Zeit des Verblühens und der Kälte. Zudem herrscht an dem Abend, an dem Bertha ihre Geschichte erzählt, eine überaus mystische Stimmung vor: Es ist ein „neblichter Abend“, immer wieder werden Schwärze und Kälte betont, „Wolken“ bedecken den Himmel (S. 4).

Die undurchdringliche Schwärze, die Wolken und der Nebel stehen symbolisch für die mangelnde Klarsicht angesichts sorgsam gehüteter Geheimnisse innerhalb der Ringmauern des kleinen Schlosses. Doch auch die Erzählung Berthas verschafft keine Klarheit: Sie kann sich bis zuletzt nicht an den verdrängten Hundenamen erinnern und bleibt folglich bis zur entscheidenden Enthüllung Walthers in „Nebel“ und Unwissenheit gefangen. Überdies wird die Geschichte um „Mitternacht“ (ebd.), also zur Geisterstunde, erzählt.

Innerhalb dieses gesetzten zeitlichen Rahmens werden demnach die folgenden märchenhaften Ereignisse erzählt. Zugleich wird aber auch die Diskrepanz zwischen der bedrohlich scheinenden Nacht und dem behaglichen Zuhause verdeutlicht: Eckbert, Bertha und Walther sitzen um das Feuer eines Kamins herum, die „Flammen warfen einen hellen Schein durch das Gemach und spielten oben an der Decke“ (ebd.).

Der Widerstreit zwischen Drinnen und Draußen, zwischen Licht und Schatten steht symbolisch für den Konflikt zwischen dem Sichtbaren und dem Verborgenen, zwischen der menschlichen Ratio und den verborgenen Tiefen der menschlichen Seele. Berthas bisher wohlgehütetes Geheimnis etwa gelangt durch ihren Bericht ans Licht.

Im Unterschied zur Aufklärung interessiert sich die Romantik für die Schattenseiten menschlicher Existenz. Folglich erzählt Tiecks Geschichte von der Nachtseite und den Verdrängungen der beiden Protagonisten, die erst am Ende ans Licht gebracht werden.

Schnee und Kälte

Die mit der Ermordung Walthers einsetzende innere Erstarrung Eckberts wird durch die Jahreszeit symbolisch untermauert: Der Mord findet an einem „raue[n] stürmische[n] Wintertag“ statt, an dem bereits „tiefer Schnee“ auf den Bergen liegt, der „die Zweige nieder[drückt]“ (S. 20). Aus dem den Niedergang ankündigenden Herbst ist demnach vollends der Winter geworden, in welchem auch die freundschaftlichen Gefühle endgültig erkaltet bzw. abgestorben sind. Das Niederbiegen der Zweige kann als Vorausdeutung auf die Last der erdrückenden Schuldgefühle nach der Ermordung Walthers begriffen werden: „[…] er lebte unter ewigen innern Vorwürfen“ (S. 21).

Die durch Schnee und Kälte veranschaulichte Erstarrung Eckberts steht jedoch zugleich im Kontrast zu seiner inneren Erregung, die durch ein Gefühl der Hitze dargestellt wird: „der Schweiß stand ihm auf der Stirne“ (S. 20). Mit dem Gegensatz Heiß – Kalt wird demnach eine weitere Diskrepanz aufgegriffen, die bis zum Schluss nicht gelöst wird: So wenig wie der Mensch dazu imstande ist, einen verbindenden Ausgleic...

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