Schuld und Strafe

Ein zentrales Thema von Tiecks Erzählung stellt der Themenbereich „Schuld und Sühne“ bzw. „Schuld und Strafe“ dar. Beide Protagonisten machen sich schuldig, beide werden am Ende durch eine moralische Instanz bestraft.

Berthas Schuld

In Bezug auf Bertha lassen sich Parallelen zur biblischen Sündenfallgeschichte erkennen. Nachdem sie als Achtjährige aus ihrem Elternhaus geflüchtet ist, lebt Bertha in der Waldeinsamkeit wie Adam und Eva in einem „Paradies“ (S. 8). Ein erster Einbruch in die paradiesische Existenz wird einerseits in der Warnung Gottes deutlich, nicht vom Baum der Erkenntnis zu essen, andererseits in der Drohung der Alten, nicht den rechten Weg zu verlassen: „[…] nie gedeiht es, wenn man von der rechten Bahn abweicht, die Strafe folgt nach, wenn auch noch so spät“ (S. 13).

Beide Warnungen setzen einen Prozess des Reflektierens in Gang, der die naive Unschuld der paradiesischen Existenz beeinträchtigt. Angestachelt durch die verführerischen Worte der Schlange, wächst in Adam und Eva das Verlangen, die verbotenen Früchte vom Baum der Erkenntnis zu essen, während Bertha immer intensiver über ein anderes Leben in Reichtum nachdenkt.

Bertha wird erwachsen, sie entwickelt eine selbstreflektierende, verstandesorientierte Haltung sich selbst und der Welt gegenüber. Der Erzähler kommentiert diese Entwicklung kritisch: „[…] es ist ein Unglück für den Menschen, dass er seinen Verstand nur darum bekömmt, um die Unschuld seiner Seele zu verlieren“ (S. 14).

Während Adams und Evas Regelverstoß ihre Verbannung aus dem Paradies verursacht, verlässt Bertha das Paradies der Waldeinsamkeit freiwillig. Durch ihre Abreise verstrickt sie sich in Schuld, wird dem paradiesischen Idyll gegenüber untreu und begeht Verrat an der Alten. Mit den gestohlenen Edelsteinen will sie sich einen materiellen Wohlstand in der bürgerlichen Welt sichern. Selbigen soll ihr der Vogel bescheren, den sie mit sich nimmt. Das junge Mädchen handelt also nach dem verstandesorientierten Nützlichkeitsprinzip. Der Hund scheint ihr demnach keinen Nutzen in der neuen Welt zu bringen. Damit er ihr nicht folgt und in ihren Bestrebungen lästig wird, bindet sie ihn an und nimmt damit seinen billigend Tod in Kauf (vgl. S. 15).

Doch nach ihrer Abreise überkommen Bertha Schuldgefühle und Ängste vor einer Bestrafung: „Meine Reise war ziemlich einförmig, aber je weiter ich ging, je mehr ängstigte mich die Vorstellung von der Alten und dem kleinen Hunde; ich dachte daran, dass er wahrscheinlich ohne meine Hülfe verhungern müsse, im Walde glaubt ich oft die Alte würde mir plötzlich entgegentreten.“ (S. 16). Doch die Gefühle der Reue werden mehr und mehr von der Sucht nach Neuem verdrängt. Bertha setzt ihren Weg unbeirrt fort und verkauft einige Edelsteine, sobald sie in die Zivilisation gelangt.

Mehr und mehr verdrängt Bertha ihre Schuldhaftigkeit,...

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