Merkmale des Volksmärchens im Werk

Immer wieder hat Tieck in seinem (Früh)Werk auf die Textsorte des Märchens zurückgegriffen und darüber hinaus in zahlreichen Briefen sein Interesse an dem Genre des Märchens bekundet. Auch „Der blonde Eckbert“ weist zahlreiche Elemente des Volksmärchens auf, zumal hier das Alltägliche zum Wunderbaren oder sogar Schaurigen ausgeweitet wird, wie es für diese Gattung typisch ist. Insbesondere die von Bertha erzählte „Geschichte ihrer Jugend“ (S. 4) enthält zahlreiche Motive aus der Welt des Märchens. Paradoxerweise leitet Bertha ihre Geschichte jedoch mit folgender Warnung ein: „Nur haltet meine Erzählung für kein Märchen, so sonderbar sie auch klingen mag.“ (ebd.). Wie viele seiner Zeitgenossen thematisiert Tieck damit die literarische Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Gattungen innerhalb des eigenen Werkes.

Armut und Flucht

Bei der Schilderung von Berthas Kindheit wird auf das bei den Brüdern Grimm sehr häufig vorkommende Motiv des sympathischen „Dummlings“ (vgl. zum Beispiel „Die Bienenkönigin“) zurückgegriffen: Ähnlich wie der Dummling, der sich durch seine Lernunfähigkeit und sein eher tölpelhaftes Benehmen auszeichnet und dennoch oftmals ohne eigenes Zutun einen gewissen Aufstieg erlangt, ist auch Bertha nicht dazu imstande, eine wirkliche Hilfe im elterlichen Haushalt zu sein: „Ich bin in einem Dorfe geboren, mein Vater war ein armer Hirte. […] Sonst hört ich beständig von mir, dass ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse, und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirtschaft helfen“ (S. 4 f.).

Um der Armut und den ständigen Vorwürfen ihrer Eltern zu entkommen, verlässt Bertha aus Verzweiflung ihr Zuhause und flieht in den Wald. Diese Ausgangslage ruft Assoziationen zum Grimm‘schen Märchen „Hänsel und Gretel“ hervor, wenngleich Bertha nicht ausgesetzt wird, sondern aus eigenem Entschluss Vater und Mutter verlässt: „Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne dass ich es wusste, die Tür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag fast noch nicht ...

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