Merkmale des Kunstmärchens im Werk

„Der blonde Eckbert“ grenzt sich allein deshalb vom Volksmärchen ab, da mit Ludwig Tieck ein namentlich bekannter Verfasser auftritt. Darüber hinaus ist die Erzählung recht lang und ereignet sich an einem näher bestimmten Ort: „In einer Gegend des Harzes“ (S. 3). Darüber hinaus finden sich zu Beginn einige Zeitangaben, die jedoch im Laufe der Handlung unpräziser werden und schließlich zu einem Verschwimmen von Vergangenheit und Gegenwart sowie der festen zeitlichen Grenzen führen (vgl. Kapitel „Analyse“, Abschnitt „Erzählte Zeit und Erzählzeit“).

Die Sprache ist künstlerisch gestaltet und enthält keine formelhaften Wendungen (vgl. Kapitel „Analyse“, Abschnitt „Sprache und Stil“). Der Aufbau ist nicht linear, sondern weist mit der Rahmen- und Binnenhandlung sowie dem Durchbrechen der Chronologie mittels Rückblicken und Vorausdeutungen eine komplexe Erzählstruktur auf. Vor allem wird durch Berthas Erzählung eine Rückblende eingeflochten, die sich anschließend mit der Rahmenhandlung verknüpft und diese ganz wesentlich beeinflusst.

Eine Psychologisierung der Figurengestaltung findet mit der Fokussierung auf die seelischen Zustände und Empfindungen statt. Bereits Berthas Flucht aus dem elterlichen Haus liefert zahlreiche Einblicke in ihr Innenleben. Etwa zwei Wochen lang irrt sie hungrig durch die trostlose Wildnis und sehnt sich danach, „nur eines Menschen ansichtig zu werden“ (S. 8).

Im Unterschied zum Volksmärchen werden die Gefühle der Figur sehr detailliert beschrieben: „[I]ch erriet nun, dass ich mich wohl in dem benachbarten Gebirge befinden müsse, worüber ich anfing mich in der Einsamkeit zu fürchten. […] meine Angst trieb mich vorwärts; oft sah ich mich erschrocken um, wenn der Wind über mir durch die Bäume fuhr […]. Ich war ganz trostlos, ich weinte und schrie […]“ (S. 6). Auffällig ist insbesondere die Tatsache, dass der Gemütszustand der Figur mit ihrer Umgebung einhergeht. Als Bertha die Idylle der Waldeinsamkeit erreicht, verbessert sich ihre Stimmung: „Gegen Abend schien die Gegend umher etwas freundlicher zu werden, meine Gedanken, meine Wünsche lebten wieder auf, die Lust zum Leben erwachte in allen meinen Adern.“ (S. 8). Die Psychologisierung der beiden Hauptfiguren zeigt sich insbesondere in ihrem Umgang mit den Schuldgefühlen. Beide sind bemüht, ihre Untaten zu vergessen und zu verdrängen, oder, wie Eckbert, auf jemand anderen symbolisch zu ‚übertragen‘.

Mit der Psychologisierung der Figuren geht Tiecks Bestreben einher, auch weitere Elemente des Volksmärchens aufzugreifen und tiefgründiger auszugestalten: Der Hund Strohmian und der Vogel fungieren damit nicht nur als helfende und gute Tiere, sondern auch als Sinnbilder d...

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