Bertha

Die unglückliche Kindheit 

Bertha ist zum Zeitpunkt der Rahmengeschichte etwas jünger ist als ihr Ehemann Eckbert, der ungefähr 40 Jahre alt ist. Sie trifft ihn, als sie ungefähr 15 Jahre alt ist, und ihre kinderlose Ehe besteht ca. 20 Jahre lang. Deshalb ist Bertha vermutlich am Beginn der Erzählung ungefähr 35 Jahre alt. Sie ist die einzige Figur des Textes, deren Herkunft ausführlich geschildert wird. Sie erzählt in der Binnenhandlung rückblickend die Geschichte ihrer Kindheit und Jugend. Berthas familiäre Abstammung klärt sich jedoch erst im zweiten Teil der Rahmenhandlung auf, als die alte Frau Berthas wahre Herkunft enthüllt.

Bertha kommt als Tochter des armen Hirten Martin in einem nicht näher bezeichneten Dorf zur Welt. Neben der erdrückenden Armut wird Bertha durch die zunehmende Zerrüttung der Ehe ihrer Eltern belastet, die sich „über ihre Armut entzweiten“ und sich wechselseitig „bittere Vorwürfe machte[n]“ (S. 5).

In Anbetracht der unglücklichen und von Lieblosigkeit geprägten Realität flieht das kleine Mädchen in ihre eigene Gedankenwelt, wobei sie sich vor allem solchen „Vorstellungen“ hingibt, wie sie ihren Eltern „helfen wollte, wenn [sie] plötzlich reich würde, wie [sie] sie mit Gold und Silber überschütten und [sich] an ihrem Erstaunen laben möchte“ (ebd.). Diese „wunderbarsten Phantasien“ verschaffen ihr zwar kurze Momente der Erholung, haben aber für ihre konkrete Lebenswirklichkeit eher negative Konsequenzen: „und wenn ich nun aufstehn musste, um irgendetwas zu helfen, oder zu tragen, so zeigte ich mich noch viel ungeschickter, weil mir der Kopf von allen den seltsamen Vorstellungen schwindelte“ (ebd.). 

Das Mädchen hinterfragt das Verhalten der Eltern nicht, sondern leidet immens an der eigenen Ungeschicklichkeit, die ihr immer wieder vorgehalten wird: „und wirklich war ich äußerst ungeschickt und unbeholfen, ich ließ alles aus den Händen fallen, ich lernte weder nähen noch spinnen, ich konnte nichts in der Wirtschaft helfen“ (ebd.). 

Der raue und lieblose Umgangston prägt die Beziehung der Eltern zu der einzigen Tochter: „Sonst hörte ich beständig von mir, dass ich ein einfältiges dummes Kind sei, das nicht das unbedeutendste Geschäft auszurichten wisse“ (ebd.). Da die armen Eltern auf die Mithilfe ihres Kindes angewiesen sind, verwandeln sich ihre Furcht und Not in wütende Demütigungen gegenüber der einzigen Tochter, die nichts zum Lebenserhalt beitragen kann. Besonders der Vater neigt zu seelischer und körperlicher Gewalt: „Mein Vater war immer sehr ergrimmt auf mich, daß ich eine so ganz unnütze Last des Hauswesens sei, er behandelte mich daher oft ziemlich grausam, und es war selten, dass ich ein freundliches Wort von ihm vernahm“ (ebd.).

Flucht aus dem Elternhaus

Als Bertha im Alter von acht Jahren von ihrem Vater misshandelt wird und er ihr androht, sie jeden Tag zu schlagen, verspürt sie den tiefen Wunsch, „zu sterben“ (S. 6) und das Elend hinter sich zu lassen. Stattdessen entschließt sie sich, ihr Zuhause zu verlassen. „Als der Tag graute, stand ich auf und eröffnete, fast ohne dass ich es wusste, die Tür unsrer kleinen Hütte. Ich stand auf dem freien Felde, bald darauf war ich in einem Walde, in den der Tag kaum noch hineinblickte. Ich lief immerfort, ohne mich umzusehn, ich fühlte keine Müdigkeit, denn ich glaubte immer mein Vater würde mi...

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