Die Rolle der Natur

Eingangsszene

Joseph von Eichendorffs Naturbeschreibungen spiegeln nicht nur die Philosophie einer ganzen Epoche wider, sie tragen auch zur andauernden Popularität des Autors bei. Mondschein, Wälder, Berge, Gärten, Bäume, Blüten, Tiere, Wolken, Sonnenlicht, Schatten, Gewitter und dergleichen mehr sind typische Motive in Eichendorffs Werken. Dabei muten die Landschafts- und Naturbilder zumeist wie märchenhaft-surreale Kulissen an. Sie sind auch keinesfalls Abbilder der Realität, sondern verkörpern die seelischen Zustände der Figuren sowie veranschaulichen die religiösen, poetologischen oder politischen Anschauungen des Dichters. 

Die Symbolik der Naturbeschreibungen zeigt sich sogleich im Anfangsbild der Novelle. Hier sind bereits die Einstellungen des Dichters erkennbar, die sich dann im gesamten Handlungsverlauf fortsetzen. 

„In der schönen Provence liegt ein Tal zwischen waldigen Bergen, die Trümmer des alten Schlosses Dürande sehen über die Wipfel in die Einsamkeit herein; von der andern Seite erblickt man weit unten die Türme der Stadt Marseille; wenn die Luft von Mittag kommt, klingen bei klarem Wetter die Glocken herüber, sonst hört man nichts von der Welt. In diesem Tale stand ehemals ein kleines Jägerhaus, man sah's vor Blüten kaum, so überwaldet war's und weinumrankt bis an das Hirschgeweih über dem Eingang: in stillen Nächten, wenn der Mond hell schien, kam das Wild oft weidend bis auf die Waldeswiese vor der Tür. Dort wohnte dazumal der Jäger Renald, im Dienst des alten Grafen Dürande, mit seiner jungen Schwester Gabriele ganz allein, denn Vater und Mutter waren lange gestorben.“ (S. 3)

Auf den ersten Blick schildert Eichendorff eine harmonische Verbindung zwischen Mensch und Natur. Gleichzeitig deuten sich jedoch auch Bedrohungen dieses Zustandes an. Damit nimmt die Einleitung Bezug auf die gesamte Novelle, in der es um eine Gegenüberstellung von naturverbundener, volkstümlicher, tief religiöser Dichtung und deren Bedrohung durch die Gottferne sowie durch die Werte der Aufklärung und der Französischen Revolution geht.

In der Forschung liegen unterschiedliche, teils widersprüchliche Interpretationen der einzelnen Naturmetaphern dieser Eingangsszene vor. Einig ist man sich jedoch in der grundsätzlichen Ambivalenz zwischen Harmonie und Gefährdung. Einer möglichen Deutung zufolge symbolisiert die ‚Eingeschlossenheit‘ des Jägerhauses den erstrebenswerten Urzustand, in dem die Natur noch unberührt von menschlicher Anmaßung war. 

Positives Omen sind die „Blüten“ als Bild der ‚wahren‘ Dichtung, während das „Wild“ jedoch auf das ‚wilde‘ Tier im Menschen verweisen könnte und die Weinranken auf den heidnischen Gott Bacchus. Das „Hirschgeweih über dem Eingang“ wiederum lässt sich sowohl als Abwehrzauber gegen dämonische Kräfte als auch als Verlockung im Sinne der venushaften Liebe interpretieren.

Das Bild der Ruine, die über dem Jägerhaus liegt, markiert einerseits die räumliche Trennung zwischen Adel und drittem Stand. Hierin könnten sich die von Eichendorff kritisierten Ursachen der Französischen Revolution andeuten. Darüber hinaus nehmen „die Trümmer des alten Schlosses Dürande“ oh...

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