Die Rolle der Dichtung

Zwei Ebenen

Joseph von Eichendorffs Novelle »Das Schloss Dürande« lässt sich in eine vordergründige Handlung und eine zweite, höhere Bedeutungsebene unterteilen. Zur vordergründigen Handlung gehören die Dreiecksgeschichte zwischen Renald, Gabriele und Hippolyt sowie die Ereignisse rund um die Revolution – all das also, das beim ersten Lesen offensichtlich ist und den Inhalt einer Zusammenfassung ausmachen würde.

Die zweite Bedeutungsebene dagegen verbirgt sich hinter Eichendorffs bildhafter Sprache, die sich nach bestimmten Gesichtspunkten entschlüsseln lässt. Die literaturwissenschaftliche Forschung geht davon aus, dass es Eichendorff auf der zweiten Bedeutungsebene vor allem um eine kritische Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen Literatur ging.

Alle Handlungen, Aussagen und Eigenschaften der Charaktere sowie ihre Beziehung zu anderen Figuren können im Sinne einer ‚Rezension der Poesie‘ gedeutet werden. Selbiges gilt für die Landschaftsbeschreibungen, die spezifischen Schauplätze oder die einzelnen Motive der Novelle. Eine solche ‚Rezension der Poesie‘ lässt sich auch in anderen Werken des Dichters aufspüren, so bereits in seinem ersten Roman »Ahnung und Gegenwart« (1815) oder in den Novellen »Das Marmorbild« (1818) und »Aus dem Leben eines Taugenichts« (1826).

Später hat Eichendorff seine Ansichten zur Dichtung noch einmal in seinen literaturhistorischen und autobiografischen Schriften konkretisiert. Rückblickend können diese theoretischen Abhandlungen bei der Interpretation seiner Werke helfen. Im Übrigen verteidigt Eichendorff hier grundsätzlich einen literaturkritischen Ansatz in der Dichtung, indem er schreibt, „dass Poesie nur durch Poesie rezensiert werden könne“. (Quelle)

Kritik an bestimmten romantischen Autoren

Im »Schloss Dürande« tadelt der Spätromantiker Eichendorff all jene Dichterkollegen, die seiner Meinung nach den „Abfall von der Romantik“ (Quelle) vollzogen, also Verrat an dem übten, was er als die ‚wahre romantische‘ Dichtung verstand. Dies betrifft den Schriftsteller Otto von Loeben (1786-1825) (den Eichendorff einst bewunderte), vor allem aber den Dramatiker Heinrich von Kleist (1777- 1811) sowie den Dichter Johann Ludwig Uhland (1787-1862) (vgl. Kapitel „Epoche“, „Intertextualität“).

Vornehmliche Kritikpunkte an der nach Eichendorff ‚falschen‘ Romantik sind die Hinwendung zum Protestantismus (bekräftigt durch die Reformation) sowie die Nähe zur Aufklärung. Beide verkörperten für ihn eine gefährliche „Emanzipation der Subjektivität“, welche „die Forschung über die kirchliche Autorität, das Individuum über das Dogma“ setzt. (Quelle) Die Idee der Aufklärung, nach welcher der Mensch aus eigenem Verstandesermessen heraus die Probleme seines Lebens lösen kann, stufte Eichendorff als Anmaßung und Hybris ein.

Alles in allem kritisiert der Dichter den Weg in die literarische Moderne. Seit der Reformation habe sich die moderne Poesie „vom lebendigen Glauben und von sinnlicher Anschauung gleichmäßig abgewendet und auf theologisch-politische Grübelei oder bloße Moral gewiesen“ (Quelle), dabei habe sie „Verstand und Moral […] gegen die Phantasie“ (Quelle) ausgespielt, so schreibt der Dichter in seiner »Geschichte der poetischen Literatur Deutschlands« (1857).

Die wahre Dichtung

Demgegenüber stellt Joseph von Eichendorff eine romantische Dichtung, die „aus der tiefsten Wurzel des religiösen Lebens heraufgebaut“ (Quelle) ist. Seiner Meinung nach schließt eine solche ‚wahre‘ Poesie an die katholische Tradition des Mittelalters an, sie ist volkstümlich und heimatverbunden sowie einfach und unreflektiert. Als Vorbilder dienen die mündlich überlieferten Märchen und Volkslieder, wie etwa nach Art der gesammelten Texte in »Des Knaben Wunderhorn«.

Der romantische Dichter wünschte sich eine Poesie, die sich frei und spontan entfalten kann, ohne den Dogmen der literarischen Gestaltung unterworfen zu sein. Darüber hinaus ist die ‚wahre‘ Dichtung eng mit der Natur verbunden. Nach Eichendorff knüpft sie an die Sprache bzw. die Laute der Natur an, sie weckt „das wunderbare Lied, das in allen Dingen gebunden schläft“ und bringt es zum Klingen. 

Eichendorff lobt die christlich-naturverbundene Poesie, in der „die Waldeinsamkeit das uralte Märchen der Natur wiedererzählte von verfallenen Burgen und Kirchen[,] die Glocken wie von selber anschlugen und die Wipfel sich rauschen...

Der Text oben ist nur ein Auszug. Nur Abonnenten haben Zugang zu dem ganzen Textinhalt.

Erhalte Zugang zum vollständigen E-Book.

Als Abonnent von Lektürehilfe.de erhalten Sie Zugang zu allen E-Books.

Erhalte Zugang für nur 5,99 Euro pro Monat

Schon registriert als Abonnent? Bitte einloggen