Traum und Wirklichkeit

Durchdringung von Alltags- und Fantasiewelt

Florios Sehnsüchte

Die kunstvolle Verschmelzung von Realität und Traum ist ein wesentliches Merkmal der romantischen Literatur. Sowohl den Figuren, zumeist vor allem dem Protagonisten, als auch dem Leser fällt es schwer, zu unterscheiden, was Wirklichkeit und was Einbildung sind. Der Erzähler ist dabei keinesfalls hilfreich und auch die Sprache trägt zur Verwirrung bei.

All diese Merkmale sind ebenfalls in Eichendorffs »Marmorbild« zu erkennen, im dem märchenhafte und alltägliche Elemente ineinanderfließen. Eine Orientierung für den Leser bietet vor allem die Perspektive des Protagonisten Florio, der gewissermaßen als ‚Zeuge‘ übernatürlicher Begebenheiten auftritt. Maßgeblich für eine Interpretation ist jedoch die Frage, wie sehr die Eindrücke des Protagonisten durch seine innere Gefühlslage verzerrt sind. 

Florios Träumereien beginnen bereits in seiner Kindheit. Eichendorff beschreibt sie als Sehnsüchte, Verlockungen und Zukunftsvisionen (vgl. S. 4, 39). Das Fernweh und die Liebessehnsucht führen den Protagonisten im Jugendalter nach Lucca, wo sich seine Fantasien weiter ausgestalten. Eine erste Anregung bietet die Begegnung mit der schönen Bianka. Doch Florios Wünsche und Sehnsüchte scheinen noch nicht befriedigt. Der Held strebt nach einem anderen Frauenideal, „ein viel schöneres, größeres und herrliches, wie er es noch nirgend gesehen.“ (S. 15).

Vor diesem Hintergrund entdeckt er die schöne Venusstatue am Weiher. Florio ist sich sicher: Was er zuvor in seinen „Jugendträumen“ (S. 39) imaginiert hat, steht nun wahrhaftig vor ihm: Die „lang gesuchte, nun plötzlich erkannte Geliebte“ (S. 16). 

Metamorphose der Statue

Auslöser für Florios Schwanken zwischen Traum und Wirklichkeit ist die scheinbare Verwandlung des Marmorbildes: „Je länger er hinsah, je mehr schien es ihm, als schlüge es die seelenvollen Augen langsam auf, als wollten sich die Lippen bewegen zum Gruße, als blühe Leben wie ein lieblicher Gesang erwärmend durch die schönen Glieder herauf.“ (S. 16).

Eichendorff verbindet hier zwei Eindrücke miteinander. Einerseits handelt es sich bei dem Marmorbild offenkundig um eine steinerne Frauenstatue – einen leblosen Gegenstand also, platziert am Ufer eines Weihers. Andererseits wird dieser Gegenstand von Beginn an personifiziert, d.h. mit menschlichen Eigenschaften ausgestattet: „[…] als wäre die Göttin soeben erst aus den Wellen aufgetaucht, und betrachte nun, selber verzaubert, das Bild der eigenen Schönheit, das der trunkene Wasserspiegel zwischen den leise aus dem Grunde aufblühenden Sternen widerstrahlte.“ (ebd.)

Florio hält „die Augen lange geschlossen vor Blendung, ...

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