Heidentum & Christentum

Die hedonistische Verführung

Wiederholt beschreibt Eichendorff in seinem »Marmorbild« den lustvollen Hedonismus der heidnischen Antike, als deren Vertreter die verführerische Venus und ihr Gehilfe Donati fungieren. Die erotische Venus steht für die Todsünde der Wollust, während Donati das Hauptlaster des Jähzorns verkörpert: „Ein funkelnder Zornesblitz fuhr, fast verzerrend, über das Gesicht des Reiters, und ein wilder, nur halb ausgesprochener Fluch aus den zuckenden Lippen […]“ (S. 12/13). Zu ihrem lasterhaften Lebenswandel gehören das Vergnügen der Jagd und des Weines ebenso wie der Müßiggang (vgl. S. 11, 24, 35 ff.). Unterstützung findet das „Andenken an die irdische Lust“ (S. 46) in der „zauberisch[en]“ Tanzmusik (vgl. S. 27), die im Kontrast zu den christlichen Liedern Fortunatos steht. 

Bereits in seinem ersten Lied kritisiert der fromme Fortunato die heidnische Genusssucht. So wird das sündhafte Treiben durch die Ankunft des Todesboten unterbrochen, der die Heiden an ihre Endlichkeit erinnert (vgl. S. 8 ff.).

Hinter dem Hedonismus wittert Eichendorff die christlichen Hauptlaster, wie Faulheit, Maßlosigkeit und Eitelkeit: „Sie ruhte, halb liegend, auf einem Ruhebett von köstlichen Stoffen. […] Ein Mädchen, neben ihr kniend, hielt ihr einen reichverzierten Spiegel vor, während mehrere andere beschäftigt waren, ihre anmutige Gebieterin mit Rosen zu schmücken. […] Reichgeschmückte Edelknaben reichten Wein und mit Blumen verdeckte Orangen und Früchte in silbernen Schalen umher.“ (S. 36/37).

Venus und Donati als Vertreter des Heidentums

Eichendorff zeichnet ein trügerisches Bild der heidnischen Götterwelt, symbolisiert durch das Marmorbild. Venus lockt den Menschen mit ihrer klassischen Schönheit („[d]as schöne Ebenmaß aller Teile“, S. 36) und ihrem ausschweifenden Lebensstil. Doch ihr makelloser Körper ebenso wie ihr beeindruckender Tempel entpuppen sich jedoch schließlich als künstliches, lebloses Gestein. Und auch die weltlichen Genüsse und sinnlichen Freuden enttarnt Eichendorff als oberflächlich und vergänglich. 

An vielen Stellen der Novelle findet eine explizite ‚Verteufelung‘ des Heidentums statt. Allem voran verführt die Venus Florio durch ihr „teuflisches Blendwerk“ (S. 46). Die Umdeutung der Venus-Gestalt als Verbündete des Teufels reicht bis ins Mittelalter zurück (vgl. Kapitel Epoch...

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