Gegensätze

Licht & Schatten

Das Manuskript zum »Marmorbild« trug den Untertitel »Ein Schattenspiel«. Dieser Terminus ist insofern treffend, als er die Magie und Undurchsichtigkeit der Geschehnisse detailliert beschreibt. Gerade die Legende der Venus lässt die Erlebnisse Florios wie einen vorüberstreifenden Schatten erscheinen.

Allem voran jedoch inszeniert Eichendorff einen Kontrast zwischen einer hellen, freundlichen und einer düsteren, freudlosen Welt. Der Protagonist Florio muss sich zwischen diesen beiden Sphären behaupten und entscheiden. Zunächst ist es die Schattenwelt, die den Helden fasziniert. Der finstere, schwarz gekleidete Ritter Donati, den Fortunato abfällig als „Mondscheinjäger“ und „Nachtschmetterling[ ]“ (S. 13) bezeichnet, erschleicht sich Florios Vertrauen. 

Und auch die erste Begegnung mit der Venus findet im Dunkeln statt. Dabei verwandelt sich die Szene von einer romantischen Mondscheindämmerung in eine Schreckensnacht. Als Florio verängstigt flieht, scheinen „die langen gespenstischen Pappeln […] mit ihren weitgestreckten Schatten hinter ihm dreinzulangen“ (S. 13). 

Den Lustgarten der Venus beschreibt Eichendorff ebenfalls mit dem Motiv des Schattens: „Hohe Buchenhallen empfingen [Florio] da mit ihren feierlichen Schatten […]“ (S. 20). So beeindruckend und magisch der prächtige Venusgarten auch anmutet, so verheißen die Schatten der Bäume bereits bei Florios Eintreffen nichts Gutes. 

Ein wechselhaftes Licht- und Schattenspiel inszeniert Eichendorff in der Verführungsszene im Venuspalast. Als ein Gewitter aufzieht, zeigt die Venus ihre wahre, steinerne Identität: „Ein langer Blitz erleuchtete soeben das dämmernde Gemach. Da fuhr Florio plötzlich einige Schritte zurück, denn es war ihm, als stünde die Dame starr mit geschlossenen Augen und ganz weißem Antlitz und Armen vor ihm. – Mit dem flüchtigen Blitzesscheine jedoch verschwand auch das schreckliche Gesicht wieder, wie es entstanden. Die alte Dämmerung füllte wieder das Gemach […].“ (S. 40). 

Die Nacht und der Schatten stehen für Traum, Einbildung und Sinnestäuschung ebenso wie für Gefahr, Verderben und Tod. Der Tag und das Licht hingegen markieren Klarheit, Freiheit und Lebensfreude. Der weise Sänger Fortunato bringt diesen Dualismus in einer Warnung an Florio auf den Punkt: „Lasst das, die Mel...

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