Frauenbilder

Bianka

Weibliche Tugenden

Bianka entspricht dem Frauenbild, das für die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts charakteristisch ist und sich auch in der Literatur dieser Zeit widerspiegelt. Zu den bevorzugten Eigenschaften des weiblichen Geschlechts gehörten Sittsamkeit und Anständigkeit sowie Charme und Zurückhaltung. Darüber hinaus war eine ‚Infantilisierung‘ der Frau zu beobachten, d.h. ihr wurden kindliche Attribute, wie sexuelle Unschuld und Naivität, zugesprochen. Demut, Passivität und Leidensfähigkeit galten als weibliche Tugenden.

Überwiegend treffen die genannten Eigenschaften auch auf Eichendorffs Bianka zu. Allem voran trägt ihr sprechender Name die Bedeutung ‚die Reine / Weiße /Unschuldige‘ (vgl. Kapitel „Analyse“, Abschnitt „Die sprechenden Namen“). Bei ihrer ersten Begegnung mit Florio tritt Bianka äußerst zurückhaltend auf. Der Autor beschreibt sie als „zierliche, fast noch kindliche Gestalt“ (S. 5). Ihre infantile Unschuld wird später mit „sorglosen Kinderspielen“ (S. 48) verglichen. 

Bianka verhält sich überwiegend passiv, lässt sich von ihrem Verehrer Florio ansprechen und auch küssen (vgl. S. 7). Nur einmal wagt sie einen zaghaften Vorstoß und überreicht ihm eine Rose, wobei sie jedoch scheu und noch dazu unerkannt bleibt (vgl. S. 26). Wiederkehrende Merkmale der Figur sind ihr schamhaftes Erröten und ihr gesenkter Blick (vgl. S. 5,7, 33). 

Florio gegenüber besitzt „das schöne Mädchen mit dem Blumenkranze“ (S. 14) die Fähigkeit zu bedingungsloser Liebe, Uneigennützigkeit und Selbstaufopferung. Der Protagonist hingegen verfügt nicht über diese Anlagen und muss sich diesbezüglich erst entwickeln. Obwohl Florio seiner erotischen Obsession für die Venus folgt, hält Bianka an ihren Gefühlen für ihn fest. Sie verkörpert die in der zeitgenössischen Literatur häufig vertretene ‚liebende leidende Frau‘: „Und als dann der heißgeliebte Florio, den dunkeln Mächten folgend, so fremd wurde und sich immer weiter von ihr entfernte, bis sie ihn endlich ganz verloren geben musste, da versank sie in eine tiefe Schwermut, deren Geheimnis sie niemand anzuvertrauen wagte.“ (S. 48). 

In vielerlei Hinsicht verdeutlicht Eichendorff die ‚Entsexualisierung‘ Biankas. Diese zeigt sich nicht nur in ihrem kindlichen Auftreten, sondern auch in ihrer Knabentracht, die sie am Ende der Novelle trägt (vgl. S. 43 ff.). Paradoxerweise führt erst die Verhüllung ihres Geschlechts dazu, dass Florio sie als die ‚richtige Frau‘ für sich erkennt. Offenbar bedarf es der vollständigen Negierung erotischer Signale, um den Mann nicht von der ‚wahren Liebe‘ abzulenken. 

Gleichzeitig verdeutlicht Biankas Cross-Dressing ihre Bewältigungsstrategie im Umgang mit der für sie enttäuschenden „Gewalt der ersten Liebe“ (S. 48). Nicht zuletzt hilft ihr die Verkleidung dabei, „ungehinderter reisen zu können“, was wiederum die damals unterprivilegierte soziale Stellung der Frau zum Ausdruck bringt.

‚Entsexualisiert‘ ist Bianka am Schluss auch deshalb, weil sie mit der Mutter Gottes in Verbindung gebracht wird. Ihre marienhaften Züge deutet Fortunato bereits in seinem Lied von der Venus-Legende an (vgl. S. 46). Ferner wird Bianka mit einem „heitere[n] Engelsbild“ verglichen (S. 49). 

Bianka spricht nicht offen über ihre Bedürfnisse oder verteidigt diese gegenüber anderen. Stattdessen sendet sie nonverbale oder verschlüsselte Signale. Florios Untreue tadelt sie lediglich durch ihr...

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